De re publica

De re publica: Roms grosser Politiker Marcus Tullius Cicero hätte dieser Tage in Berlin seine helle Freude. Genau wie ich: Im Rahmen eines «Lightning Talk» stelle ich an der Webkonferenz re:publica mein Blog- und Buchprojekt «100 Sekunden – das Hörlexikon» vor, ein Projekt, das es – wäre es nach den Verantwortlichen des Schweizer Radios gegangen – nie gegeben hätte.

Grosse Medienunternehmen unterhalten leistungsmächtige Websites. Die aber haben einen gewichtigen Nachteil: Sie behandeln alle Inhalte gleich, und sie nehmen keine Rücksicht auf besondere Projekte. «100 Sekunden Wissen» ist eine Rubrik des Schweizer Kulturradios SRF 2, ausgestrahlt von Montag bis Freitag um 6.20 und um 10.20 Uhr, deren Beiträge auf der Website von Radio und Fernsehen publiziert werden. Die einzelnen Episoden sind kleine kurze feuilletonistische Erklärstücke, die dem interessierten Laien ebenso Erkenntnisgewinn bescheren sollen wie dem Fachmann.

Mein ursprüngliches Konzept sah vor, aus dieser Radiorubrik ein Online-Hörlexikon zu gestalten, eine webbasierte Enzyklopädie zum Stöbern nach Lust und Laune, dazu side products wie Bücher und Apps. Indes, mein Vorhaben galt als Schnapsidee: Nicht mit der Corporate Website vereinbar, zuwenig Publikum, kein Geld. «100 Sekunden» ist mein Versuch, mit meinen eigenen Beiträgen zu realisieren, was mir als damaligem Crossmedia-Verantwortlichen von SRF 2 Kultur vorgeschwebt hatte. Heute sind es mehrere hundert Beiträge in Text und Ton, mit automatisierten Querverweisen und mehreren Buchausgaben: Die Schnapsidee hat zumindest gut geschmeckt.


«Lightning Talk» an der Webkonferenz «re:publica» in der Station Berlin. (Bild: Lea Suter)

Und die Moral von der Geschicht (pdf): Corporate Websites von Medienunternehmen, in deren Korsett jeder Inhalt geschnürt werden muss, sind Zwangsjacken. Umso wichtiger wäre, als Ergänzung, ein elastisches Konzept von Blogs und Subsites mit minimalem Branding, die sich bei ganz besonderen redaktionellen Projekten in Form und Funktion ganz nach den Inhalten richten. Eine solche Subsite lässt sich im Nu erstellen, am besten in kleinen, engagierten interdisziplinären Teams (Redaktion, IT, Kommunikation), wenn nicht gleich von den Journalistinnen und Journalisten selbst. Mein Einmann-Hörlexikon «100 Sekunden – das Hörlexikon» ist der proof of concept.

Update, 8./23. Mai 2017: Ich freue mich darauf, bei nächster Gelegenheit die bloggenden Kolleginnen des deutschen Literaturblogs «Digitur» und von der «re:publica» kennenzulernen.

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