Folgenreicher Rechtsklick

Als junger Journalist und Zeitungsproduzent kannte ich die Seitenbeschreibungssprache «PostScript», und als ich 1995 in meinem ersten Webbrowser, dem «Netscape Navigator», den Kontextmenüpunkt «View Source» entdeckte, war's um mich geschehen. Die «Hypertext Markup Language», die all diese neuartigen Seiten beschrieb, liess meine spärliche Freizeit schmelzen wie Schnee an der Sonne. Bald verstand ich, dass sich mit HTML und Javascript mehr anstellen liess als bloss on mouseover Menü-Icons zu vertauschen. Und vor genau 20 Jahren stellte ich mit «Mahjongg Solitaire» schliesslich meine allererste Webapp (damals noch «Single-Page Applications» genannt) ins Netz.

Vorteilhafte Reviews namhafter Gaming-Plattformen wie Jayisgames oder PC-Welt verhalfen meinem Spiel zu einiger Bekanntheit. Bis heute wurde Mahjongg Solitaire von rund 70 Millionen Menschen gespielt, und mit Tausenden Spielerinnen und Spielern habe ich in all der Zeit E-Mails ausgetauscht. Dass das Web das weltweite soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Leben umpflügen sollte (und die Medientechnik gar mein Weg an die Hochschule sein würde), hätte ich mir nie vorzustellen vermocht. Und erst recht nicht, dass dieser einen Webapp dereinst viele weitere folgen sollten.


«Mahjongg Solitaire», Version 1 vom 6. Juni 2002.

 

Letterjongg

1981 veröffentlichte der gelähmte Programmierer Brodie Lockard auf einem Mainframe-Rechner der Universität Stanford ein Game, das er während seiner langen Rehabilitation und mithilfe eines speziellen Mundstücks programmiert hatte. «Mahjongg Solitaire» nannte er sein Spiel, und es sollte einer der ersten Blockbuster der Game-Industrie werden: Als Activision das Spiel als «Shanghai» auf den Markt brachte und Microsoft es kurze Zeit später unter dem Namen «Taipei» in seine frühen Windows-Versionen integrierte, wurde «Mahjongg Solitaire» zum bevorzugten Zeitvertreib von Millionen.

Anlässlich des Swiss Open Cultural Data Hackathon, der 2018 im Landesmuseum in Zürich durchgeführt wurde, kam ich auf die Idee, Lockards Spielidee mit historischen Lettern statt mit chinesischen Zahlen und Bambussymbolen zu bespielen: mit Buchstaben des Bologneser Schriftgiessers Francesco Griffo, die der Verleger Aldus Manutius für seine 1501 in Venedig erschienene Horaz-Gesamtausgabe genutzt hatte und die heute bekannt sind als die erste Kursivschrift der Geschichte.


Swiss Open Cultural Data Hackathon 2018 im Schweizerischen Nationalmuseum, Zürich. (Bild: Thomas Bochet)

Die Universitätsbibliothek Basel stellte mir einen hoch auflösenden Scan zur Verfügung, und der Rest war Web- und Medientechnik. In meiner Doppelvorlesung führe ich unsere Studierenden in die Geschichte eines weltbekannten Casual Games und in Javascript ein. Und habe durchaus Verständnis dafür, wenn ihr Interesse weniger der Kulturgeschichte und der Programmierung gilt als vielmehr dem Gamen.


«Letterjongg» (26.-28. Oktober 2018, Projektdokumentation im Wiki von Open Data Schweiz)

 

15 Jahre


Illustration: Lorenz «Lopetz» Gianfreda, Büro Destruct, Bern.

Auf den Tag genau 15 Jahre ist es her, da ging auf Schweizer Radio DRS 2 (heute Radio SRF 2 Kultur) mein allererster Beitrag der Rubrik «100 Sekunden Wissen» zum Thema «Handy» über den Sender. Seither sind Hunderte weitere dazugekommen – mitsamt dem Online-Hörlexikon «100 Sekunden», in dem heute, säuberlich aufgelistet und querverlinkt, gegen 500 Beiträge stehen – zum Lesen, zum Hören, und, wer mag, sogar als Buch zu kaufen.

Und weiter geht's: Allein in diesem Jahr kamen bisher Beiträge über Quengelware, Bezoare, Khipus, Steckenpferde, Erdställe und Strick-Codes dazu. Ein Ende ist nicht abzusehen.

 

Vergessener Kriegsheld

Ein spektakuläres Gemälde, in einem Museumsdepot entdeckt, entpuppt sich als Zeuge eines Lebens wie aus einem Abenteuerroman: Der wilde Galopp des Freiburger Barons und Söldnerführers Franz Peter König (1594–1647) durch den Dreissigjährigen Krieg. Mein neuer Text im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums und auf Watson.

Journalismus multimedial

Bereits zum dritten Mal habe ich am Journalistischen Seminar der Uni Mainz meinen Vertiefungskurs «Interaktive Medien» in Angriff genommen, in dessen Verlauf die angehenden Journalistinnen und Journalisten lernen werden, mit HTML, CSS und Javascript eigene Websites zu bauen, um künftig in der Lage zu sein, journalistische Inhalte multimedial und interaktiv zu gestalten.

Das heutige Blockseminar hatte das Ziel, den Studierenden vor Augen zu führen, dass das World Wide Web tief in der westlichen Geistesgeschichte verankert ist. Der Kurs selbst geht nun in die Hände des profilierten Journalisten und Hörspielautors und -machers Philipp Neuweiler über, der vor zwei Jahren im selben Kurs sein Handwerk gelernt hat. Er wird die angehenden Medienmenschen ins Handwerk der Webprogrammierung einführen, auf dass sie, neben jener des Journalismus, auch die Zukunft des Web aktiv mitgestalten.

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