Plädoyer für die Offenheit

Digitaler Kapitalismus, digitales Proletariat – und welche Wege es aus der digitalökonomischen Knappheit gäbe: Heute habe ich mit den Studierenden des Forschungsseminars meines Kollegen Matthias Künzler, Professor für Medienökonomie und Kommunikationspolitik an der Freien Universität Berlin, eine These diskutiert, die vor vielen Jahren im Gespräch mit dem verstorbenen Historiker Peter Haber, Privatdozent an der Universität Basel, entstanden ist. Open Science, Offene Technologien, Open Source, Open Educational Resources, Open Access und Open Data: Der Offenheit gehört die Welt. Und dieses Plädoyer wird nicht das letzte gewesen sein.


Bild: Katharina Jeger

Kopernikus, der Ketzer

Die Illustration mit den kreisförmigen Umlaufbahnen der sechs damals bekannten Planeten war eine wissenschaftliche Revolution, denn im Zentrum des Modells stand nicht länger die Erde. Die Schrift mit dem Titel «De revolutionibus orbium cœlestium», die Nikolaus Kopernikus 1543 kurz vor seinem Tod veröffentlichte, stellte — nach zwei Jahrtausenden geozentrischen Denkens — vielmehr die Sonne ins Zentrum des Planetensystems. Damit stiess Kopernikus auf erbitterten Widerstand der Religion, erst der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon, danach von Huldrych Zwingli in Zürich und Johannes Calvin in Genf, am Ende auch der katholischen Kirche, die das Werk 1616 gar auf den Index verbotener Schriften setzte. (Mein neuer Text im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums.)

Das heliozentrische Planetensystem nach der Vorstellung des Nikolaus Kopernikus, «De revolutionibus orbium cœlestium» (1543), liber primus, Folio 9 verso. (ETH Zürich)

Grund genug, der für die Astronomie so bedeutenden kopernikanischen Wende Tribut zu zollen: Meine Webapp ermittelt die augenblickliche ekliptikale Länge der damals bekannten Planeten Merkur, Venus, von Erde und Mond, des Mars, Jupiter und Saturn. Anschliessend lässt die Animation die Zeit verstreichen, fünf Tage pro Sekunde. Die Leiste am unteren Bildschirmrand zeigt das jeweilige Datum an. Der Stop-Button setzt das Modell auf das aktuelle Datum zurück; der Fast-forward-Button startet die Animation neu; der Play-Button verlangsamt sie auf einen Tag pro Sekunde.

Eine astronomische Revolution für den Desktop und fürs Handy: Was vor 480 Jahren noch ein Kupferstich war, lässt sich heute mit HTML, CSS und Javascript zum Leben erwecken.

 

Every Day

39 Jahre ist es her, da entstand im Berner Studentenheim Fellergut eine Band, die sich erst «De Lauris», kurze Zeit später dann «The Chicago Seven Swing & Blues Revue» nannte. Der Formation sollte ein langes Leben beschieden sein: Unter dem heutigen Namen «Blues Green» traten wir gestern bereits zum zehnten Mal in der legendären Mahogany Hall auf. Geblieben ist in all der Zeit, nach zahllosen Eskapaden in den Jazz, den Pop, den Soul, den R'n'B und den Funk - zu allen Zeiten der Blues: «Every Day I Have the Blues». To be continued.

 
 
 
 
 
 

3:52

«Blues Green» (Lucio Crivellotto voc, g; Christoph Thiel voc, g; Barbara Andrey voc, Jean-Luc Gassmann p; Denis Pittet tp; Markus Karl ts; Willi Marti dr and myself b) live in der Mahogany Hall, Bern.

Folgenreicher Rechtsklick

Als junger Journalist und Zeitungsproduzent kannte ich die Seitenbeschreibungssprache «PostScript», und als ich 1995 in meinem ersten Webbrowser, dem «Netscape Navigator», den Kontextmenüpunkt «View Source» entdeckte, war's um mich geschehen. Die «Hypertext Markup Language», die all diese neuartigen Seiten beschrieb, liess meine spärliche Freizeit schmelzen wie Schnee an der Sonne. Bald verstand ich, dass sich mit HTML und Javascript mehr anstellen liess als bloss on mouseover Menü-Icons zu vertauschen. Und vor genau 20 Jahren stellte ich mit «Mahjongg Solitaire» schliesslich meine allererste Webapp (damals noch «Single-Page Applications» genannt) ins Netz.

Vorteilhafte Reviews namhafter Gaming-Plattformen wie Jayisgames oder PC-Welt verhalfen meinem Spiel zu einiger Bekanntheit. Bis heute wurde Mahjongg Solitaire von rund 70 Millionen Menschen gespielt, und mit Tausenden Spielerinnen und Spielern habe ich in all der Zeit E-Mails ausgetauscht. Dass das Web das weltweite soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Leben umpflügen sollte (und die Medientechnik gar mein Weg an die Hochschule sein würde), hätte ich mir nie vorzustellen vermocht. Und erst recht nicht, dass dieser einen Webapp dereinst viele weitere folgen sollten.


«Mahjongg Solitaire», Version 1 vom 6. Juni 2002.

 

Letterjongg

1981 veröffentlichte der gelähmte Programmierer Brodie Lockard auf einem Mainframe-Rechner der Universität Stanford ein Game, das er während seiner langen Rehabilitation und mithilfe eines speziellen Mundstücks programmiert hatte. «Mahjongg Solitaire» nannte er sein Spiel, und es sollte einer der ersten Blockbuster der Game-Industrie werden: Als Activision das Spiel als «Shanghai» auf den Markt brachte und Microsoft es kurze Zeit später unter dem Namen «Taipei» in seine frühen Windows-Versionen integrierte, wurde «Mahjongg Solitaire» zum bevorzugten Zeitvertreib von Millionen.

Anlässlich des Swiss Open Cultural Data Hackathon, der 2018 im Landesmuseum in Zürich durchgeführt wurde, kam ich auf die Idee, Lockards Spielidee mit historischen Lettern statt mit chinesischen Zahlen und Bambussymbolen zu bespielen: mit Buchstaben des Bologneser Schriftgiessers Francesco Griffo, die der Verleger Aldus Manutius für seine 1501 in Venedig erschienene Horaz-Gesamtausgabe genutzt hatte und die heute bekannt sind als die erste Kursivschrift der Geschichte.


Swiss Open Cultural Data Hackathon 2018 im Schweizerischen Nationalmuseum, Zürich. (Bild: Thomas Bochet)

Die Universitätsbibliothek Basel stellte mir einen hoch auflösenden Scan zur Verfügung, und der Rest war Web- und Medientechnik. In meiner Doppelvorlesung führe ich unsere Studierenden in die Geschichte eines weltbekannten Casual Games und in Javascript ein. Und habe durchaus Verständnis dafür, wenn ihr Interesse weniger der Kulturgeschichte und der Programmierung gilt als vielmehr dem Gamen.


«Letterjongg» (26.-28. Oktober 2018, Projektdokumentation im Wiki von Open Data Schweiz)

 
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