Der Prix Europa in Berlin ist das grösste Medienfestival für öffentlich-rechtliche Produktionen in verschiedenen Kategorien der Medien Fernsehen, Radio und Multimedia. Seit 20 Jahren nehme ich am Prix Europa teil, mal als Referent, mal als Liveblogger, fast jedesmal als Mitglied der Online-Jury. Eine ganz persönliche Shortlist.


Der Prix Europa, ausgetragen von 1987 bis 2018 im Haus des Rundfunks, Berlin; seit 2019 in Potsdam.

2019, Digital Media

Mit einer Dreijahres-Kampagne namens Ultra:bit versucht auch der dänische Rundfunk DR, Kinder aus passivem Digitalkonsum heraus- und an (grafische Drag & Drop-) Programmierung und digitale Kreativität heranzuführen. Nach anfänglichen Fehlern (zu technischer Vermittlungsansatz, Fokussierung auf Buben) produziert Ultra:bit in Zusammenarbeit mit externen Partnern heute Schulfernsehen, publiziert Instagram-Serien und veranstaltet Codecamps. Mit beträchtlichem Erfolg: Bereits im ersten Jahr haben sich 4000 Lehrpersonen und 60 000 Kinder (90 Prozent aller dänischen Viertklässler) beteiligt.

Der Einmarsch von Sowjettruppen in die Tschechoslowakei und das abrupte Ende des Prager Frühlings am 21. August 1968 ist bis heute ein nationales Trauma geblieben. Das Crowdsourcing-Projekt Occupation reconstruction des tschechischen Fernsehens zeigt insgesamt dreieinhalb Stunden Filmmaterial aus den ersten Invasionstagen, das bisher unbekannt geblieben war. Das Problem: Das Material ist undokumentiert, und via Website und Social Media ruft das tschechische Fernsehen dazu auf, die abgebildeten Szenen, Orte und Personen Timecode-abhängig zu identifizieren und zu kommetieren, so dass Regisseur Jan Sikl einen für 2020 geplanten Dokumentarfilm realisieren kann. Bis heute kamen auf diese Weise Hunderte sehr persönlicher Schilderungen abgebildeter Menschen zusammen; zahlreiche Dokumente wurden hochgeladen.

«Programmieren mit der Maus» des WDR bringt Kinder ab 8 dazu, sich die Grundlagen des Programmierens anzueignen. Ein Programmier-Kit der seit 1971 bestehenden «Sendung mit der Maus», altersgerecht, vergnüglich, in kurzen animierten Storys auf der Basis der grafischen Programmiersprache Scratch: Schritt für Schritt begeben sich Kinder auf dem Weg bis hin zum ersten programmierten Game mit der Maus.

Die Sicht der Jugend auf die Welt, erzählt von jungen Menschen: Das Projekt Tataki des Westschweizer Fernsehens RTS (auf Youtube, Facebook, Instagram und Snapchat) besteht aus Foto- und Kurzvideoserien (bis zu 600 Folgen pro Jahr) über Jugend- und Pop-Kultur, Urban Culture und Gesellschaft. Sneakers, Sex, Tattoos, Dancing-Moves, Feminismus, Migration; humorvoll, emotional, satirisch, ästhetisch und authentisch zugleich: Der Anspruch ist so hoch wie die Themenpalette breit.

Das aus Filmporträts bestehende Projekt Blurred Border ist eine Webdoku über die Kurische Nehrung, eine Halbinsel, die nach dem Zerfall der Sowjetunion je zur Hälfte an Litauen und die russische Exklave Kaliningrad fiel. Die einzelnen Episoden werden in einem Doppelplayer ausgespielt, dessen Rand sich beliebig in beide Richtungen bewegen lässt. Die Grenze zwischen West und Ost, zwischen der EU und Russland, am Beispiel einer schmalen, langgestreckten Halbinsel, in Litauisch, Russisch und Englisch, in vier 15-Minuten Porträts und vier Jahreszeiten, medial sehr ästhetisch realisiert: Blurred Border erinnert von Ferne an das Siegerprojekt Gaza-Sderot aus dem Jahr 2009.

Würde ein bedingungsloses Grundeinkommen dazu führen, dass die Menschen nicht länger arbeiten wollen? Was eigentlich ist Arbeit? Die Serie Earn a Living von Arte, Frankreich, sucht Antworten. Die Journalisten Margaux Missika und Yuval Orr trugen Fallbeispiele aus Israel, Kenia, Japan und den USA zusammen. Die Userführung des insgesamt 70 Minuten dauernden Stücks basiert auf amüsanten und zugleich nachdenklich machenden Fragen (Würdest du zur Arbeit gehen, wenn du nicht müsstest? Wirklich?), die über die Reihenfolge der Episoden entscheiden. Jede Episode (bestehend aus aus dokumentarischen Einstellungen und Animation) streut Fakten und Vergleiche mit der (via IP-Adresse ausgelesenen) Heimat des Users ein. Die Frage aber bleibt: Wird ein bedingungsloses Grundeinkommen funktionieren? Und wenn also Arbeits-losigkeit die Zukunft ist: Werden wir unseren Job vermissen?

Das Projekt Battle for Cattle des österreichischen Science-Comm-Unternehmens Biofaction ist ein Wissenschafts-Game (Online-Game, native App), das dem realen Forschungsprozess im Bereich der biologischen Impfforschung für Multimedia nachempfunden ist. Das Game vermittelt – in stark vereinfachter Form, aber höchst amüsant – Antiotika-Entwicklung und die Entwicklung synthetischer Impfstoffe. Muh-ltimediale Wissenschaftskommunikation.

Das spanische, von der populären Schauspielerin Irene Escolar präsentierte Projekt No Ecological Footprint thematisiert die Verantwortung, die wir für unseren eigenen ökologischen Fussabdruck tragen. Eine interaktive Webdoc beleuchtet Themen (Wasser, CO2, Rohstoffe, Boden) mittels parallelen Videos aus verschiedenen Perspektiven; getroffene Entscheidungen beeinflussen die Wirkung auf die Umwelt. Zusammen mit Hintergrundinformationen, Youtube-gerechten Öko-Tipps und interaktiven Elementen, mit denen das Publikum etwa Bilder gefährdeter Regionen hochladen kann, soll das Projekt ein junges Publikum für den Einfluss von Mobilität und Konsum auf Klima und Umwelt sensibilisieren.

Klimawandel in Norwegen, so anschaulich wie möglich, im Hier und Jetzt: Im Projekt The Hunt for Climate Change des norwegischen Radios und Fernsehens NRK sammelten zwei Journalisten ein volles Jahr lang Zeichen des stattfindenden Klimawandels im ganzen Land. Hungernde Rentiere, wärmere Meere, ausbleibende Fischschwärme, Überschwemmungen, Dürren und Notschlachtungen, erzählt in einem enorme langen Onepager, in Fullscreen-Scrollytelling, in eindrücklichen Bildern und kurzen, einprägsamen Texten (und ausführlichen, klickbaren Fussnoten für alle, die mehr wissen wollen) – NRK zielt vor allem auf ein mobiles Publikum.

Big data, IoT, Wearables – was stellen all die smarten Geräte mit uns und mit unserem Alltag an? Das Projekt Home Smart Home des niederländischen VPRO Medialab will Bewusstsein für all die neuen Technologien schaffen und das narrative Potential von smart homes ausloten. Drei Kurzfilme, ein mit Smart Tech vollgestopftes Wohnhaus von Totalüberwachung bis Aluhut, eine Filmnacht mit Debatte sowie eine immersive Theaterperformance, in der der Besucher die Aufgabe bekommt, die fiktive ältere Dame «Ellis» durch ihren immer stärker dysfunktionalen Smart-Home-Alltag zu begleiten.

Geschichtsvermittlung im 21. Jahrhundert, für Schulen und Museen gedacht: In History 360° lässt das ZDF sein Publikum Geschichte neu erleben – in vier 360-Grad- und CGI-animierten Dokumentarfilmen über die Geschichte der Menschheit, in sieben 360-Grad-Kurzfilmen mit Archivmaterial von bedeutenden Orten der Geschichte Deutschlands und im VR-Game «Tempelhof», das am Beispiel des historischen Berliner Stadtflughafens eine spielerisch geführte Zeitreise anbietet. Das zentrale Navigationselement der dazugehörigen Website ist ein Zeittunnel mit Hunderten von Filmdokumenten, der von der Jungsteinzeit bis ins Heute führt.

The Pattern of Destructive Love des finnischen Radios und Fernsehens YLE wirft ein Schlaglicht auf häusliche (physische und psychische) Gewalt in Finnland. Erzählt werden acht Schicksale in je fünf Kapiteln (Wie haben wir uns kennengelernt? Erste Anzeichen? Die schlimmsten Zeiten? Die Trennung? Was geschah dann?) in insgesamt 226 Minuten audiovisuellen Inhalts; dazu kommen externe Sichtweisen wie Polizei, Anwalt oder Sozialarbeit. Eindringlicher O-Ton, virtuose Grafik und multidimensionale Navigation werfen ein Schlaglicht auf eine finstere Seite der Gesellschaft.

#followme (auf Instagram und Youtube) des niederländischen Senders VPRO ist ein dokumentarisches Stück über Instagram und die ganze Social-Media-Ökonomie dahinter. Heute entscheid der Facebook-Algorithmus darüber, wer auf Instagram eine Rolle spielt – #followme ist eine drei Monate dauernde Untersuchung von Instagram, der Aufmerksamkeitsökonomie, gekauften Fake-Followers und Likes, ausgespielt, natürlich, auf einem Instagram-Account und komplementär als Hochformat-Dokumentarfilm fürs Smartphone (und, in einer auf 15 Minuten gekürzten Version, am Fernsehen).

Das Kinderprojekt Scout Messengers des tschechischen Fernsehens ist eine amüsante, spielerische, interaktive Fernseh- und Web-Exkursion in 100 Jahre Geschichte des Landes. Ein vergesslicher Opa, Rätsel und Real-life-Exkursionen hielten 10 000 Kinder drei Monate lang auf Trab.

Ich, Eisner ist ein Messenger-Storytelling-Projekt des bayerischen Rundfunks über die Revolution in Bayern 1918/1919. In chronologisch verdichteter Form «simst» der virtuelle Sozialist und Pazifist Kurt Eisner, erster bayerischer Ministerpräsident, der am 21. Februar 1919 erschossen wurde – eine Zeitreise während vier Monaten und in durchschnittlich drei WhatsApp- und Telegram-Nachrichten pro Tag, die allesamt aus Originalzitaten bestehen.

2019, Digital Audio

Project 68 des tschechischen Radios erzählt die Geschichte der Sowjetinvasion am 21. August 1968 mit Radio-Tönen aus den ersten Stunden des Einmarsches: Das Ende des Prager Frühlings, Minute für Minute, in Live-Gesprächen und mit Band-Einspielern auf 50 Jahre alten Bandmaschinen, als 13 Stunden dauerndes Radio- und Streaming-Special, als Podcast, im Web, mittels immersiven AR- und VR-Inserts in einer eigenen Player-App und einem von Zehntausenden besuchten Live-Konzert.

Krebsdiagnose mit 32, deprimierende Statistiken, Auflehnung: Der Podcast My Survival Story des an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten Schweizers Martin und seiner Freundin Katarina (SRF) geht unter die Haut. Am Anfang stand die Absicht, kurze, aufbauende Videos für Krebskranke zu drehen, doch am Ende erwies sich Audio als viel intimer. Viele Konzepte und eine Weltreise später steht der achtteilige Podcast My Survival Story. Das Projekt erzählt wahre Geschichten von Krebskranken, die sich gegen den Krebs aufgelehnt und ihn am Ende besiegt haben.

Das interaktive Hörspiel Tag X des bayerischen Rundfunks ist ein postapokalyptischer Thriller, ausgespielt via Smartspeaker: Berlin im Bürgerkriegs-Charos, eine immersive, interaktive Dystopie in 118 interaktiven, immersiven Szenen, ein beeindruckendes Netz an möglichen Entscheidungen, mehrere Interaktions-Levels, schwierige Hörerentscheidungen, komplexe Storylines: Tag X ist der Versuch, Alexa, Google Assistant, Apps oder selbst den Webbrowser als Radio der Zukunft zu nutzen – und Hörspiel mit Computergames zu verschmelzen.

Radionachrichten, postlinear plus online first: Top News des schwedischen Radios besteht aus Playlists für kurze Nachrichtenclips, die für sich allein stehen können und weder eine Anmoderation noch Vorinformation erfordern. Die Playlists werden rund um die Uhr aktualisiert, die Inhalte stammen aus allen Gebieten (Nachrichten, Sport, Kultur, Wissenschaft) und werden in einer modernen, benutzerfreundlichen Smartphone-App und via Google Assistant verbreitet. Mit Erfolg: Die Nutzung wächst kontinuierlich, und das Publikum nutzt durchschnittlich fünf Clips pro Mal.

Kann man etwas vermissen, das man nie erlebt hat? Den Regenwald im Jahr 2350 zum Beispiel, den es seit Jahrhunderten nicht mehr gibt? Ein Öko-Thriller und zugleich ein wissenschaftliches Experiment: Das BBC-Projekt Forest 404 ist ein BBC-Podcast und ein gross angelegtes Citizen-Science-Experiment der Open University. Wissenschaftlich untersucht werden die Effekte von Naturklängen auf das menschliche Befinden, doch das Herzstück des Projekts ist Sci-Fi-Hörspiel, Forscher-O-Ton und binaurale Soundscapes, jeweils in neun Teilen, alle inhaltlich aufeinander bezogen, ausgespielt als Podcast und im Web.

Radio Kids (Radio Miúdos) ist ein Schüler-Internetradio (mit eigener App) von und für Portugiesisch sprechende Kinder in aller Welt. Die Kinder werden von Radioprofis gecoacht, aber sie gestalten ihr eigenes Programm, machen eigene Aufnahmen (über den in die Website integrierten Recorder), erstellen eigene Sendungen, veranstalten Events, Roadshows und Workshops in Schulen.

Mit seiner Klangkiste will der WDR Kindern klassische Musik und Jazz näherbringen. Das Herzstück namens «DoReMix» ist ein Kompositions-Tool, das es erlaubt, Aufnahmen von insgesamt 60 Einzelinstrumenten zu bearbeiten und zu remixen. Dazu kommen ein Quiz mit Funfacts, Musik- oder klangbasierte Games («Kisum», «Flizzicato») und den vier Orchestern und Bands des WDR mit ihrer jeweils eigenen Interpretation des Klankisten-Themas mit Musikerinnen- und Musikerporträts. Die Klangkiste mit allen Remix- und Aufnahmemöglichkeiten ist als Web-App umgesetzt, um eine maximal einfache Zugänglichkeit zu gewährleisten.

Gavias Sound Adventure des schwedischen Radios SR ist ein sprachgesteuertes Advents-Adventure für Kinder (in 16 Episoden, produziert für Google Home) über die Hauptfigur Tonje, die als einziges Kind im schwedischen Dorf Glimmerdalen lebt, ihre Freundin, die Möwe Gavia.

Apollo 11, 20. Juli 1969: In 12 Episoden des Podcasts 13 Minutes to the Moon lässt die BBC ihr Publikum auf dem Mond landen. Treibstoff für 60 Sekunden, in letzter Minute geänderte Landestelle, kritische Computerfehler, Funkausfall – die nervenzerfetzenden 13 Minuten der Mondlandung werden in atemberaubenden Originaltönen nacherzählt, mit Musik von Hans Zimmer, in einem Live-Feed auf der BBC-Website, live in Social Media, in Radio und Fernsehen: 13 Minutes to the Moon wurde am Jubiläumstag, dem 20. Juli 2019, von über einer Million Menschen mitverfolgt.