Der Prix Europa in Berlin ist das grösste Medienfestival für öffentlich-rechtliche Produktionen in verschiedenen Kategorien der Medien Fernsehen, Radio und Multimedia. Seit 20 Jahren nehme ich am Prix Europa teil, mal als Referent, mal als Liveblogger, fast jedesmal als Mitglied der Online-Jury. Eine ganz persönliche Shortlist.

2018

18% der Bevölkerung Schwedens ist nicht in Schweden geboren. Die NGO «Sprakkraft» hat zusammen mit dem schwedischen Fernsehen SVT eine Lern-App für Flüchtlinge geschaffen, die Integration fördern will. Die App «Sprakplay» ist ein medial unterstützter Sprachkurs, der Videobeiträge mit unterlegten Transkripten ausspielt, deren Begriffe sich per Klick wiederholen und in 18 Sprachen übersetzen lassen. Auf der Basis eines voreingestellten Lernlevels, eines laufend aktualisierten individuellen Lernprofils und eingebauter Sprachtests soll Immigranten die Sprache näher gebracht werden - nicht auf der Basis von Grammatiklektionen, sondern von aktuellen, relevanten Videobeiträgen. Mehr als eine Viertelmillion Immigranten haben bis heute gegen 400 000 Stunden lang gelernt: Beispielgebend.

BBC the social ist die jugendliche Plattform von BBC Scotland, produziert von nur acht Produzentinnen und Produzenten. Auf dieser Plattform publizierte der junge Filmer Sean McInally am 9. April 2018 das sehr persönliche, authentische Filmgedicht «Time for love», der mit weit über 10 Millionen views eine in Schottland bisher einmalige Diskussion über die Rechte von Homosexuellen entfachte. Viereinhalb Minuten, die unter die Haut gehen.

Die junge Bloggerin Joana wacht auf, neben ihr liegt ihr Freund Carlos, erstochen in seinem Blut, Joana kann sich an nichts mehr erinnern: «Amnesia» ist ein Millennial-Thriller in 12 Fünfminuten-Episoden, einer linearen einstündigen 16:9-Vollversion, in Instagram-Fotos und -Stories. Der Film besteht aus der Story als solcher; auf Instagram dagegen (1:1, optimiert für Smartphones) erscheinen die Flashbacks, die – nach und nach – enthüllen, was Carlos tatsächlich zugestossen ist.

«Traces», ein litauisches Storytelling-Kollektiv, erzählt die Geschichte einer Gedenkexpedition nach Sibirien erzählt, in die Tundra, in der vor sechs Jahrzehnten litauische Deportierte ums Überleben kämpften. Ein dunkles Stück Geschichte, eine authentische Familiengeschichte, ein Manifest gegen Totalitarismus: Eine virtuose Webdoku, multimedial und interaktiv, hintergründig und packend.

Am Anfang war das Flüchtlingsboot, am Ende das Multimediafeature «After the escape» der deutschen Welle. Porträts von sechs Künstlern und Flüchtlingen als Scrollytelling mittels Pageflow, von Heinrich Heine bis zum syrischen Pianisten Aeham Ahmad, zeigen frappierende biografische Parallelen auf.

«Ramasjang» ist der Protagonist des Vorschulprogramms des dänischen Rundfunks DR und seine Mission, die Bienen, die Meere, das Klima, kurz: die Welt zu retten. Im Zentrum ein Bienen-Game, dazu Videos, Shows, Blumensamen per Post und Blumenpflanzaktionen für 3000 Kinder und Eltern, alles mit der Botschaft: Auch ein kleiner Mensch kann einen grossen Unterschied machen.

«Antarktika» ist eine Mystery- (und Comedy-) Serie von UFA und funk.net, «gedreht» zusammen mit dem deutschen Youtuber «Herr Bergmann» und, in real-time, innerhalb der Game-Engine von Minecraft. Eine attraktive Forscherin in einer Antarktis-Forschungsstation auf der Suche nach ihrem Vater: Ein innovatives Fiction- und Unterhaltungsformat, nicht nur für Gamer.

Als 2010 die Preise für Bernstein zu steigen begannen, setzte in der Ukraine ein eigentlicher Bernsteinrausch ein; Umweltzerstörung, Kriminalität, Korruption, Anarchie waren die Folge. «Leprosy of the land» ist ein grosses datenjournalistisches Projekt über ein soziales und ökologisches Desaster auf über 70 000 Quadratkilometern Land, was der Grösse Tschechiens entspricht. Eine eigens zu diesem Zweck programmierte maschinelle Suche (open source) durchforstet Satellitenfotos von Google Maps, Bing und anderen Diensten nach Spuren illegalen Bernsteinabbaus, das Ergebnis ist die minutiöse Kartierung einer kaum bekannten Umweltkatastrophe.

«Robo Sapiens» ist eine sechsteilige TV-Serie über die bevorstehende Roboterrevolution von VPRO, Niederlande, einschliesslich Roboterkommunikation mit einem Chatbot namens «Robin 451» und einem Bot-or-not-Turing-Test, den das VPRO Media Lab anlässlich eines Hackathons entwickeln liess. Ergebnis: Spannende Daten darüber, was Menschen von Bots erwarten. Und Gänsehaut.

«Karma» des finnischen Radios und Fernsehens YLE ist eine tägliche Soap für junge Frauen der Generation Z, ein neues Storytelling-Videoformat in Form von Instagram-Stories (Selfie- bzw. Smartphone-Perspektive, konsequent in Hochformat). Mobil, kurz, produziert von Generation-Z-Autorinnen und dadurch sehr authentisch, jede Episode 15 Sekunden kurz und lediglich während 24 Stunden online (Archiv: Youtube), jederzeit kommentierbar und interaktiv, mit Live-Chats und Real-life-Events: Auf der Suche nach wirklich neuen Formaten geht YLE als öffentlich-rechtlicher Anbieter beeindruckend weit.

«Homo machina» von Arte, Paris, ist eine Game-App für iOS und Android, inspiriert von den Mensch-Maschinen-Illustrationen von Fritz Kahn (1888-1968). Kahn gilt heute als Pionier der Infografik; das Arte-Game macht aus Kahns Maschinenmenschen («Der Mensch als Jndustriepalast») ein faszinierendes Handyspiel im Zeitalter der Fitness-Apps. Ein teurer Spass: Die Produktion schlug mit einer halben Million Euro zu Buche; die App kostet € 3.50.

Die Website «Czech this century» des tschechischen Fernsehens beleuchtet die schmerzhafte Geschichte des 20. Jahrhunderts. Fernseh- und Radioarchive als Quelle, Prager Geschichtsstudenten Prag als Helfer, 600 zurechtgestutzter Videos: Die Site ist nach Abschnitten, thematisch oder geografisch gegliedert; eine solide multimediale Geschichtslektion für Millennials.

Die Webdoc «Poppy» der holländischen Submarine Channel ist ein packendes Multimediastück über die unheilvolle Vernetzung von Krieg, Terror, Drogenhandel und organisierter Kriminalität. Die Grundlage sind interaktive Karten mit der Darstellung dreier Routen des Verbrechens und packenden Videoausschnitten: die Nordroute durch die frühere Sowjetunion, die Balkanroute und die Südroute über Arabien und Nordafrika. Wege des Schreckens in einer globalisierten Welt. Ein nicht über alle Zweifel erhabenes UI, aber eindrucksvoll.

Das SRG-SSR-Projekt «What the fake» des französischsprachigen Fernsehens und Radios RTS ist ein Online-Quiz, die den User (ähnlich wie bei Tinder) Nachrichten per Swipe als «fake» oder «not fake» beurteilen lässt. Fake or not? Jede Antwort ausführlich und mit Fakten kommentiert; «News» und Ergebnisse lassen sich auf allen sozialen Netzwerken (einschliesslich WhatsApp) teilen. (Noch) sehr spartanisch, aber nicht unoriginell.

«The terror attack on Drottninggatan» des schwedischen Radios SR zeichnet den Anschlag in Stockholm am 7. April 2017 nach, als in der Haupteinkaufsstrasse der schwedischen Hauptstadt vier Menschen einem Terroristen in einem gestohlenen Lieferwagen zum Opfer fielen. Eine Mikrosite, mobile first, mit den aktuellsten Radionachrichten, einer Audio-Timeline, thematisch gegliederten Audiogalerien in der Mitte und einer hintergründigen Einordnung am Schluss, als Web-App und als Podcast, mit einer Minuten-Navigation in Satellitenansicht und einer Augenzeugen-Navigation mit allen Aussagen am Prozess: «The terror attack on Drottninggatan» ist ein Online-Lehrstück für modernen News-Journalismus.

Das Projekt «Nekrolog» des dänischen Rundfunks DR laut Aussagen seiner Macher «ein Digitalformat für Leben und Tod». Anders als Zeitungs-, Fernseh- und Online-Nachrufe will «Nekrolog» den Tod in einem Drei- bis Fünfminuten-Video reflektieren, das der künftige Verstorbene selbst eingesprochen hat - ein letztes direktes, persönliches Wort an die Nachwelt. Die Videos, strukturiert nach festen Fragen («Wer bist du?», «Was bereust du?», «Eine schöne Erinnerung», «Worauf hoffst du?» etc.), in einer intimen Schwarzweiss-Porträteinstellung ohne Unterbrechung direkt in die Kamera gesprochen, wollen das Tabu Tod brechen und ergeben ein intimes Bekenntnis, das nach Aufnahme und Schnitt bis zum Tod des Protagonisten in den Archiven eingelagert und nach dem Tod publiziert wird. Berührend, intim, aber an der Grenze zum Voyeurismus.

«Abgasalarm» von SWR ist eine Website mit Zahlen, Daten, Fakten, mit einer 360-Grad-Webcam vom Neckartor, der am stärksten belasteten Kreuzung von Stuttgart, einer dynamischen Infografik mit aktuellen Fahrverbots-Meinungsumfragen - und, nicht zuletzt, mit der kostenlosen Abgabe von Messstäbchen, mit denen das Publikum die namentlich von Dieselmotoren herrührenden Stickstoffdioxidbelastung vor der eigenen Haustür messen und auf einer interaktiven Abgaskarte dokumentierdn konnten. Atemberaubend.

«Mutter und Sohn» ist eine immersive 360-Grad-VR-Produktion (ZDF/Arte) des Künstlers Jonathan Meese über die Entstehung eines «Gesamtkunstwerks der Zukunft». Zwischen Vision und postmoderner Beliebigkeit.

«Kidder and Shamed», zwei Videoprojekte der erfolgreichen Plattform BBC the social (BBC Scotland), ist Storytelling aus der Perspektive der Generation Smartphone. Kreativ, immersiv, emotional und relevant: Der 13-Minuten-Film über den jungen Schotten Paul Kidder und seine Probleme mit dem Erwachsenwerden und das 10-Minuten-Video «Shamed» über das verbreitete Phänomen der Rachepornos sind ebenso ambitioniert wie erfolgreich: Über 80% der jugendlichen Zielgruppe (18-24 Jahre) haben sich die Folgen auf den sozialen Kanälen von BBC the social angesehen.

Cannabis-Farmen, Kokain-Küchen, Ecstasy-Labore: Die interaktive Webdoc «The industry» der niederländischen Produktionsfirma Submarine Channel bringt die vollen Ausmasse der illegalen Drogenindustrie in den Niederlanden an den Tag. Was für Menschen stecken dahinter? Wie gross ist das Netzwerk wirklich? «The industry», das sind erzählte Geschichten, in Audio, in 70 mittels Zed-Scannern erfassten, frei navigierbaren räumlichen Szenen, dazu Datenjournalismus und -visualisierung, Karten, Hintergründe. Gespenstisch, aber hochspannend.

«Bytes/Pieces» von SRF Virus ist eine journalistische Videoserie für ein Publikum zwischen 12 und 34 Jahren, eine Koproduktion zwischen der Influencerin Rosanna Grüter, einem Kamerateam und SRF-Data. Relevant, à fonds und transparent recherchiert, in Social-Media-Formaten und unterhaltend: «Bytes/Pieces» wagt eine gleich mehrfache Gratwanderung.

Am 7. Juli 1961 brach in der tschechischen Kohlengrube «Dukla 61» Feuer aus. 108 Grubenarbeiter starben. Die Webdoc «Dukla 61» des tschechischen Fernsehens erzählt die dramatische, vom kommunistischen Regime totgeschwiegene Geschichte des drittgrössten Grubenunglücks in der Geschichte Tschechiens, interaktiv, Stunde für Stunde, in dokumentarischem Filmmaterial, Animationen und Malerei und eindrucksvollem Industriesounddesign: Visuell virtuos und bedrückend.

«Dutch Arms: Explosive Exports», das Investigativjournalismusprojekt der niederländischen Produktionsfirma «Lighthouse Reports» (zusammen mit Bellingcat), enthüllt das wahre Ausmass nach niederländischem und EU-Recht illegaler niederländischen Waffenexporte in den Sudan, nach Libyen, in den Jemen. Recherchen auf Facebook, Twitter und Instagram, dazu Tools wie Google Maps, Google Earth und Google Translate, machten anfängliche Vermutungen in einem zwei Wochen dauernden Onlinerecherche-Bootcamp zu Beweisen. Die Website dutcharms.nl lieferte täglichen Erkenntnisgewinn, ein interessiertes Publikum steuerte weitere Hinweise bei. Epilog: Einen Monat nach der Aktion wurden die Exporte nach einem Hearing im Parlament gestoppt.