2020

Der fiktionale interaktive Film «La République» (Cinétévé Experience, Resistance Films, France Télévisions), der aus der Handyperspektive dreier Protagonisten den Augenblick eines verheerenden Terroranschlags in Paris dokumentiert, und «Die Befreiung» (Bayerischer Rundfunk, ARD), der auch als web documentary realisierte audiovisuelle Rundgang durch das Konzentrationslager Dachau bei München, das auf der Basis sorgfältig in die heutige KZ-Szenerie gesetzter Fotos und den Stimmen von Augenzeugen den Tag der Befreiung am 29. April 1945 nacherzählt.

Vollends unter die Haut geht das Onlineprojekt «Mil Mujeres Asesinadas» (Tausend ermordete Frauen) des spanischen Radios und Fernsehens RTVE: Die Webdoc gibt eintausend weiblichen Opfern männlicher Gewalt ein Gesicht: Wer waren sie? Wovon haben sie geträumt? Und was geschah am Ende mit den Gewalttätern? Zu Recht wird «Mil Mujeres Asesinadas» mit dem Prix Europa 2020 ausgezeichnet.

2019, Digital Media

Mit einer Dreijahres-Kampagne namens Ultra:bit versucht auch der dänische Rundfunk DR, Kinder aus passivem Digitalkonsum heraus- und an (grafische Drag & Drop-) Programmierung und digitale Kreativität heranzuführen. Nach anfänglichen Fehlern (zu technischer Vermittlungsansatz, Fokussierung auf Buben) produziert Ultra:bit in Zusammenarbeit mit externen Partnern heute Schulfernsehen, publiziert Instagram-Serien und veranstaltet Codecamps. Mit beträchtlichem Erfolg: Bereits im ersten Jahr haben sich 4000 Lehrpersonen und 60 000 Kinder (90 Prozent aller dänischen Viertklässler) beteiligt.

Der Einmarsch von Sowjettruppen in die Tschechoslowakei und das abrupte Ende des Prager Frühlings am 21. August 1968 ist bis heute ein nationales Trauma geblieben. Das Crowdsourcing-Projekt Occupation reconstruction des tschechischen Fernsehens zeigt insgesamt dreieinhalb Stunden Filmmaterial aus den ersten Invasionstagen, das bisher unbekannt geblieben war. Das Problem: Das Material ist undokumentiert, und via Website und Social Media ruft das tschechische Fernsehen dazu auf, die abgebildeten Szenen, Orte und Personen Timecode-abhängig zu identifizieren und zu kommetieren, so dass Regisseur Jan Sikl einen für 2020 geplanten Dokumentarfilm realisieren kann. Bis heute kamen auf diese Weise Hunderte sehr persönlicher Schilderungen abgebildeter Menschen zusammen; zahlreiche Dokumente wurden hochgeladen.

«Programmieren mit der Maus» des WDR bringt Kinder ab 8 dazu, sich die Grundlagen des Programmierens anzueignen. Ein Programmier-Kit der seit 1971 bestehenden «Sendung mit der Maus», altersgerecht, vergnüglich, in kurzen animierten Storys auf der Basis der grafischen Programmiersprache Scratch: Schritt für Schritt begeben sich Kinder auf dem Weg bis hin zum ersten programmierten Game mit der Maus.

Die Sicht der Jugend auf die Welt, erzählt von jungen Menschen: Das Projekt Tataki des Westschweizer Fernsehens RTS (auf Youtube, Facebook, Instagram und Snapchat) besteht aus Foto- und Kurzvideoserien (bis zu 600 Folgen pro Jahr) über Jugend- und Pop-Kultur, Urban Culture und Gesellschaft. Sneakers, Sex, Tattoos, Dancing-Moves, Feminismus, Migration; humorvoll, emotional, satirisch, ästhetisch und authentisch zugleich: Der Anspruch ist so hoch wie die Themenpalette breit.

Das aus Filmporträts bestehende Projekt Blurred Border ist eine Webdoku über die Kurische Nehrung, eine Halbinsel, die nach dem Zerfall der Sowjetunion je zur Hälfte an Litauen und die russische Exklave Kaliningrad fiel. Die einzelnen Episoden werden in einem Doppelplayer ausgespielt, dessen Rand sich beliebig in beide Richtungen bewegen lässt. Die Grenze zwischen West und Ost, zwischen der EU und Russland, am Beispiel einer schmalen, langgestreckten Halbinsel, in Litauisch, Russisch und Englisch, in vier 15-Minuten Porträts und vier Jahreszeiten, medial sehr ästhetisch realisiert: Blurred Border erinnert von Ferne an das Siegerprojekt Gaza-Sderot aus dem Jahr 2009.

Würde ein bedingungsloses Grundeinkommen dazu führen, dass die Menschen nicht länger arbeiten wollen? Was eigentlich ist Arbeit? Die Serie Earn a Living von Arte, Frankreich, sucht Antworten. Die Journalisten Margaux Missika und Yuval Orr trugen Fallbeispiele aus Israel, Kenia, Japan und den USA zusammen. Die Userführung des insgesamt 70 Minuten dauernden Stücks basiert auf amüsanten und zugleich nachdenklich machenden Fragen (Würdest du zur Arbeit gehen, wenn du nicht müsstest? Wirklich?), die über die Reihenfolge der Episoden entscheiden. Jede Episode (bestehend aus aus dokumentarischen Einstellungen und Animation) streut Fakten und Vergleiche mit der (via IP-Adresse ausgelesenen) Heimat des Users ein. Die Frage aber bleibt: Wird ein bedingungsloses Grundeinkommen funktionieren? Und wenn also Arbeits-losigkeit die Zukunft ist: Werden wir unseren Job vermissen?

Das Projekt Battle for Cattle des österreichischen Science-Comm-Unternehmens Biofaction ist ein Wissenschafts-Game (Online-Game, native App), das dem realen Forschungsprozess im Bereich der biologischen Impfforschung für Multimedia nachempfunden ist. Das Game vermittelt – in stark vereinfachter Form, aber höchst amüsant – Antiotika-Entwicklung und die Entwicklung synthetischer Impfstoffe. Muh-ltimediale Wissenschaftskommunikation.

Das spanische, von der populären Schauspielerin Irene Escolar präsentierte Projekt No Ecological Footprint thematisiert die Verantwortung, die wir für unseren eigenen ökologischen Fussabdruck tragen. Eine interaktive Webdoc beleuchtet Themen (Wasser, CO2, Rohstoffe, Boden) mittels parallelen Videos aus verschiedenen Perspektiven; getroffene Entscheidungen beeinflussen die Wirkung auf die Umwelt. Zusammen mit Hintergrundinformationen, Youtube-gerechten Öko-Tipps und interaktiven Elementen, mit denen das Publikum etwa Bilder gefährdeter Regionen hochladen kann, soll das Projekt ein junges Publikum für den Einfluss von Mobilität und Konsum auf Klima und Umwelt sensibilisieren.

Klimawandel in Norwegen, so anschaulich wie möglich, im Hier und Jetzt: Im Projekt The Hunt for Climate Change des norwegischen Radios und Fernsehens NRK sammelten zwei Journalisten ein volles Jahr lang Zeichen des stattfindenden Klimawandels im ganzen Land. Hungernde Rentiere, wärmere Meere, ausbleibende Fischschwärme, Überschwemmungen, Dürren und Notschlachtungen, erzählt in einem enorme langen Onepager, in Fullscreen-Scrollytelling, in eindrücklichen Bildern und kurzen, einprägsamen Texten (und ausführlichen, klickbaren Fussnoten für alle, die mehr wissen wollen) – NRK zielt vor allem auf ein mobiles Publikum.

Big data, IoT, Wearables – was stellen all die smarten Geräte mit uns und mit unserem Alltag an? Das Projekt Home Smart Home des niederländischen VPRO Medialab will Bewusstsein für all die neuen Technologien schaffen und das narrative Potential von smart homes ausloten. Drei Kurzfilme, ein mit Smart Tech vollgestopftes Wohnhaus von Totalüberwachung bis Aluhut, eine Filmnacht mit Debatte sowie eine immersive Theaterperformance, in der der Besucher die Aufgabe bekommt, die fiktive ältere Dame «Ellis» durch ihren immer stärker dysfunktionalen Smart-Home-Alltag zu begleiten.

Geschichtsvermittlung im 21. Jahrhundert, für Schulen und Museen gedacht: In History 360° lässt das ZDF sein Publikum Geschichte neu erleben – in vier 360-Grad- und CGI-animierten Dokumentarfilmen über die Geschichte der Menschheit, in sieben 360-Grad-Kurzfilmen mit Archivmaterial von bedeutenden Orten der Geschichte Deutschlands und im VR-Game «Tempelhof», das am Beispiel des historischen Berliner Stadtflughafens eine spielerisch geführte Zeitreise anbietet. Das zentrale Navigationselement der dazugehörigen Website ist ein Zeittunnel mit Hunderten von Filmdokumenten, der von der Jungsteinzeit bis ins Heute führt.

The Pattern of Destructive Love des finnischen Radios und Fernsehens YLE wirft ein Schlaglicht auf häusliche (physische und psychische) Gewalt in Finnland. Erzählt werden acht Schicksale in je fünf Kapiteln (Wie haben wir uns kennengelernt? Erste Anzeichen? Die schlimmsten Zeiten? Die Trennung? Was geschah dann?) in insgesamt 226 Minuten audiovisuellen Inhalts; dazu kommen externe Sichtweisen wie Polizei, Anwalt oder Sozialarbeit. Eindringlicher O-Ton, virtuose Grafik und multidimensionale Navigation werfen ein Schlaglicht auf eine finstere Seite der Gesellschaft.

#followme (auf Instagram und Youtube) des niederländischen Senders VPRO ist ein dokumentarisches Stück über Instagram und die ganze Social-Media-Ökonomie dahinter. Heute entscheid der Facebook-Algorithmus darüber, wer auf Instagram eine Rolle spielt – #followme ist eine drei Monate dauernde Untersuchung von Instagram, der Aufmerksamkeitsökonomie, gekauften Fake-Followers und Likes, ausgespielt, natürlich, auf einem Instagram-Account und komplementär als Hochformat-Dokumentarfilm fürs Smartphone (und, in einer auf 15 Minuten gekürzten Version, am Fernsehen).

Das Kinderprojekt Scout Messengers des tschechischen Fernsehens ist eine amüsante, spielerische, interaktive Fernseh- und Web-Exkursion in 100 Jahre Geschichte des Landes. Ein vergesslicher Opa, Rätsel und Real-life-Exkursionen hielten 10 000 Kinder drei Monate lang auf Trab.

Ich, Eisner ist ein Messenger-Storytelling-Projekt des bayerischen Rundfunks über die Revolution in Bayern 1918/1919. In chronologisch verdichteter Form «simst» der virtuelle Sozialist und Pazifist Kurt Eisner, erster bayerischer Ministerpräsident, der am 21. Februar 1919 erschossen wurde – eine Zeitreise während vier Monaten und in durchschnittlich drei WhatsApp- und Telegram-Nachrichten pro Tag, die allesamt aus Originalzitaten bestehen.

2019, Digital Audio

Project 68 des tschechischen Radios erzählt die Geschichte der Sowjetinvasion am 21. August 1968 mit Radio-Tönen aus den ersten Stunden des Einmarsches: Das Ende des Prager Frühlings, Minute für Minute, in Live-Gesprächen und mit Band-Einspielern auf 50 Jahre alten Bandmaschinen, als 13 Stunden dauerndes Radio- und Streaming-Special, als Podcast, im Web, mittels immersiven AR- und VR-Inserts in einer eigenen Player-App und einem von Zehntausenden besuchten Live-Konzert.

Krebsdiagnose mit 32, deprimierende Statistiken, Auflehnung: Der Podcast My Survival Story des an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten Schweizers Martin und seiner Freundin Katarina (SRF) geht unter die Haut. Am Anfang stand die Absicht, kurze, aufbauende Videos für Krebskranke zu drehen, doch am Ende erwies sich Audio als viel intimer. Viele Konzepte und eine Weltreise später steht der achtteilige Podcast My Survival Story. Das Projekt erzählt wahre Geschichten von Krebskranken, die sich gegen den Krebs aufgelehnt und ihn am Ende besiegt haben.

Das interaktive Hörspiel Tag X des bayerischen Rundfunks ist ein postapokalyptischer Thriller, ausgespielt via Smartspeaker: Berlin im Bürgerkriegs-Charos, eine immersive, interaktive Dystopie in 118 interaktiven, immersiven Szenen, ein beeindruckendes Netz an möglichen Entscheidungen, mehrere Interaktions-Levels, schwierige Hörerentscheidungen, komplexe Storylines: Tag X ist der Versuch, Alexa, Google Assistant, Apps oder selbst den Webbrowser als Radio der Zukunft zu nutzen – und Hörspiel mit Computergames zu verschmelzen.

Radionachrichten, postlinear plus online first: Top News des schwedischen Radios besteht aus Playlists für kurze Nachrichtenclips, die für sich allein stehen können und weder eine Anmoderation noch Vorinformation erfordern. Die Playlists werden rund um die Uhr aktualisiert, die Inhalte stammen aus allen Gebieten (Nachrichten, Sport, Kultur, Wissenschaft) und werden in einer modernen, benutzerfreundlichen Smartphone-App und via Google Assistant verbreitet. Mit Erfolg: Die Nutzung wächst kontinuierlich, und das Publikum nutzt durchschnittlich fünf Clips pro Mal.

Kann man etwas vermissen, das man nie erlebt hat? Den Regenwald im Jahr 2350 zum Beispiel, den es seit Jahrhunderten nicht mehr gibt? Ein Öko-Thriller und zugleich ein wissenschaftliches Experiment: Das BBC-Projekt Forest 404 ist ein BBC-Podcast und ein gross angelegtes Citizen-Science-Experiment der Open University. Wissenschaftlich untersucht werden die Effekte von Naturklängen auf das menschliche Befinden, doch das Herzstück des Projekts ist Sci-Fi-Hörspiel, Forscher-O-Ton und binaurale Soundscapes, jeweils in neun Teilen, alle inhaltlich aufeinander bezogen, ausgespielt als Podcast und im Web.

Radio Kids (Radio Miúdos) ist ein Schüler-Internetradio (mit eigener App) von und für Portugiesisch sprechende Kinder in aller Welt. Die Kinder werden von Radioprofis gecoacht, aber sie gestalten ihr eigenes Programm, machen eigene Aufnahmen (über den in die Website integrierten Recorder), erstellen eigene Sendungen, veranstalten Events, Roadshows und Workshops in Schulen.

Mit seiner Klangkiste will der WDR Kindern klassische Musik und Jazz näherbringen. Das Herzstück namens «DoReMix» ist ein Kompositions-Tool, das es erlaubt, Aufnahmen von insgesamt 60 Einzelinstrumenten zu bearbeiten und zu remixen. Dazu kommen ein Quiz mit Funfacts, Musik- oder klangbasierte Games («Kisum», «Flizzicato») und den vier Orchestern und Bands des WDR mit ihrer jeweils eigenen Interpretation des Klankisten-Themas mit Musikerinnen- und Musikerporträts. Die Klangkiste mit allen Remix- und Aufnahmemöglichkeiten ist als Web-App umgesetzt, um eine maximal einfache Zugänglichkeit zu gewährleisten.

Gavias Sound Adventure des schwedischen Radios SR ist ein sprachgesteuertes Advents-Adventure für Kinder (in 16 Episoden, produziert für Google Home) über die Hauptfigur Tonje, die als einziges Kind im schwedischen Dorf Glimmerdalen lebt, ihre Freundin, die Möwe Gavia.

Apollo 11, 20. Juli 1969: In 12 Episoden des Podcasts 13 Minutes to the Moon lässt die BBC ihr Publikum auf dem Mond landen. Treibstoff für 60 Sekunden, in letzter Minute geänderte Landestelle, kritische Computerfehler, Funkausfall – die nervenzerfetzenden 13 Minuten der Mondlandung werden in atemberaubenden Originaltönen nacherzählt, mit Musik von Hans Zimmer, in einem Live-Feed auf der BBC-Website, live in Social Media, in Radio und Fernsehen: 13 Minutes to the Moon wurde am Jubiläumstag, dem 20. Juli 2019, von über einer Million Menschen mitverfolgt.

2018

18% der Bevölkerung Schwedens ist nicht in Schweden geboren. Die NGO «Sprakkraft» hat zusammen mit dem schwedischen Fernsehen SVT eine Lern-App für Flüchtlinge geschaffen, die Integration fördern will. Die App «Sprakplay» ist ein medial unterstützter Sprachkurs, der Videobeiträge mit unterlegten Transkripten ausspielt, deren Begriffe sich per Klick wiederholen und in 18 Sprachen übersetzen lassen. Auf der Basis eines voreingestellten Lernlevels, eines laufend aktualisierten individuellen Lernprofils und eingebauter Sprachtests soll Immigranten die Sprache näher gebracht werden - nicht auf der Basis von Grammatiklektionen, sondern von aktuellen, relevanten Videobeiträgen. Mehr als eine Viertelmillion Immigranten haben bis heute gegen 400 000 Stunden lang gelernt: Beispielgebend.

BBC the social ist die jugendliche Plattform von BBC Scotland, produziert von nur acht Produzentinnen und Produzenten. Auf dieser Plattform publizierte der junge Filmer Sean McInally am 9. April 2018 das sehr persönliche, authentische Filmgedicht «Time for love», der mit weit über 10 Millionen views eine in Schottland bisher einmalige Diskussion über die Rechte von Homosexuellen entfachte. Viereinhalb Minuten, die unter die Haut gehen.

Die junge Bloggerin Joana wacht auf, neben ihr liegt ihr Freund Carlos, erstochen in seinem Blut, Joana kann sich an nichts mehr erinnern: «Amnesia» ist ein Millennial-Thriller in 12 Fünfminuten-Episoden, einer linearen einstündigen 16:9-Vollversion, in Instagram-Fotos und -Stories. Der Film besteht aus der Story als solcher; auf Instagram dagegen (1:1, optimiert für Smartphones) erscheinen die Flashbacks, die – nach und nach – enthüllen, was Carlos tatsächlich zugestossen ist.

«Traces», ein litauisches Storytelling-Kollektiv, erzählt die Geschichte einer Gedenkexpedition nach Sibirien erzählt, in die Tundra, in der vor sechs Jahrzehnten litauische Deportierte ums Überleben kämpften. Ein dunkles Stück Geschichte, eine authentische Familiengeschichte, ein Manifest gegen Totalitarismus: Eine virtuose Webdoku, multimedial und interaktiv, hintergründig und packend.

Am Anfang war das Flüchtlingsboot, am Ende das Multimediafeature «After the escape» der deutschen Welle. Porträts von sechs Künstlern und Flüchtlingen als Scrollytelling mittels Pageflow, von Heinrich Heine bis zum syrischen Pianisten Aeham Ahmad, zeigen frappierende biografische Parallelen auf.

«Ramasjang» ist der Protagonist des Vorschulprogramms des dänischen Rundfunks DR und seine Mission, die Bienen, die Meere, das Klima, kurz: die Welt zu retten. Im Zentrum ein Bienen-Game, dazu Videos, Shows, Blumensamen per Post und Blumenpflanzaktionen für 3000 Kinder und Eltern, alles mit der Botschaft: Auch ein kleiner Mensch kann einen grossen Unterschied machen.

«Antarktika» ist eine Mystery- (und Comedy-) Serie von UFA und funk.net, «gedreht» zusammen mit dem deutschen Youtuber «Herr Bergmann» und, in real-time, innerhalb der Game-Engine von Minecraft. Eine attraktive Forscherin in einer Antarktis-Forschungsstation auf der Suche nach ihrem Vater: Ein innovatives Fiction- und Unterhaltungsformat, nicht nur für Gamer.

Als 2010 die Preise für Bernstein zu steigen begannen, setzte in der Ukraine ein eigentlicher Bernsteinrausch ein; Umweltzerstörung, Kriminalität, Korruption, Anarchie waren die Folge. «Leprosy of the land» ist ein grosses datenjournalistisches Projekt über ein soziales und ökologisches Desaster auf über 70 000 Quadratkilometern Land, was der Grösse Tschechiens entspricht. Eine eigens zu diesem Zweck programmierte maschinelle Suche (open source) durchforstet Satellitenfotos von Google Maps, Bing und anderen Diensten nach Spuren illegalen Bernsteinabbaus, das Ergebnis ist die minutiöse Kartierung einer kaum bekannten Umweltkatastrophe.

«Robo Sapiens» ist eine sechsteilige TV-Serie über die bevorstehende Roboterrevolution von VPRO, Niederlande, einschliesslich Roboterkommunikation mit einem Chatbot namens «Robin 451» und einem Bot-or-not-Turing-Test, den das VPRO Media Lab anlässlich eines Hackathons entwickeln liess. Ergebnis: Spannende Daten darüber, was Menschen von Bots erwarten. Und Gänsehaut.

«Karma» des finnischen Radios und Fernsehens YLE ist eine tägliche Soap für junge Frauen der Generation Z, ein neues Storytelling-Videoformat in Form von Instagram-Stories (Selfie- bzw. Smartphone-Perspektive, konsequent in Hochformat). Mobil, kurz, produziert von Generation-Z-Autorinnen und dadurch sehr authentisch, jede Episode 15 Sekunden kurz und lediglich während 24 Stunden online (Archiv: Youtube), jederzeit kommentierbar und interaktiv, mit Live-Chats und Real-life-Events: Auf der Suche nach wirklich neuen Formaten geht YLE als öffentlich-rechtlicher Anbieter beeindruckend weit.

«Homo machina» von Arte, Paris, ist eine Game-App für iOS und Android, inspiriert von den Mensch-Maschinen-Illustrationen von Fritz Kahn (1888-1968). Kahn gilt heute als Pionier der Infografik; das Arte-Game macht aus Kahns Maschinenmenschen («Der Mensch als Jndustriepalast») ein faszinierendes Handyspiel im Zeitalter der Fitness-Apps. Ein teurer Spass: Die Produktion schlug mit einer halben Million Euro zu Buche; die App kostet € 3.50.

Die Website «Czech this century» des tschechischen Fernsehens beleuchtet die schmerzhafte Geschichte des 20. Jahrhunderts. Fernseh- und Radioarchive als Quelle, Prager Geschichtsstudenten Prag als Helfer, 600 zurechtgestutzter Videos: Die Site ist nach Abschnitten, thematisch oder geografisch gegliedert; eine solide multimediale Geschichtslektion für Millennials.

Die Webdoc «Poppy» der holländischen Submarine Channel ist ein packendes Multimediastück über die unheilvolle Vernetzung von Krieg, Terror, Drogenhandel und organisierter Kriminalität. Die Grundlage sind interaktive Karten mit der Darstellung dreier Routen des Verbrechens und packenden Videoausschnitten: die Nordroute durch die frühere Sowjetunion, die Balkanroute und die Südroute über Arabien und Nordafrika. Wege des Schreckens in einer globalisierten Welt. Ein nicht über alle Zweifel erhabenes UI, aber eindrucksvoll.

Das SRG-SSR-Projekt «What the fake» des französischsprachigen Fernsehens und Radios RTS ist ein Online-Quiz, die den User (ähnlich wie bei Tinder) Nachrichten per Swipe als «fake» oder «not fake» beurteilen lässt. Fake or not? Jede Antwort ausführlich und mit Fakten kommentiert; «News» und Ergebnisse lassen sich auf allen sozialen Netzwerken (einschliesslich WhatsApp) teilen. (Noch) sehr spartanisch, aber nicht unoriginell.

«The terror attack on Drottninggatan» des schwedischen Radios SR zeichnet den Anschlag in Stockholm am 7. April 2017 nach, als in der Haupteinkaufsstrasse der schwedischen Hauptstadt vier Menschen einem Terroristen in einem gestohlenen Lieferwagen zum Opfer fielen. Eine Mikrosite, mobile first, mit den aktuellsten Radionachrichten, einer Audio-Timeline, thematisch gegliederten Audiogalerien in der Mitte und einer hintergründigen Einordnung am Schluss, als Web-App und als Podcast, mit einer Minuten-Navigation in Satellitenansicht und einer Augenzeugen-Navigation mit allen Aussagen am Prozess: «The terror attack on Drottninggatan» ist ein Online-Lehrstück für modernen News-Journalismus.

Das Projekt «Nekrolog» des dänischen Rundfunks DR laut Aussagen seiner Macher «ein Digitalformat für Leben und Tod». Anders als Zeitungs-, Fernseh- und Online-Nachrufe will «Nekrolog» den Tod in einem Drei- bis Fünfminuten-Video reflektieren, das der künftige Verstorbene selbst eingesprochen hat - ein letztes direktes, persönliches Wort an die Nachwelt. Die Videos, strukturiert nach festen Fragen («Wer bist du?», «Was bereust du?», «Eine schöne Erinnerung», «Worauf hoffst du?» etc.), in einer intimen Schwarzweiss-Porträteinstellung ohne Unterbrechung direkt in die Kamera gesprochen, wollen das Tabu Tod brechen und ergeben ein intimes Bekenntnis, das nach Aufnahme und Schnitt bis zum Tod des Protagonisten in den Archiven eingelagert und nach dem Tod publiziert wird. Berührend, intim, aber an der Grenze zum Voyeurismus.

«Abgasalarm» von SWR ist eine Website mit Zahlen, Daten, Fakten, mit einer 360-Grad-Webcam vom Neckartor, der am stärksten belasteten Kreuzung von Stuttgart, einer dynamischen Infografik mit aktuellen Fahrverbots-Meinungsumfragen - und, nicht zuletzt, mit der kostenlosen Abgabe von Messstäbchen, mit denen das Publikum die namentlich von Dieselmotoren herrührenden Stickstoffdioxidbelastung vor der eigenen Haustür messen und auf einer interaktiven Abgaskarte dokumentierdn konnten. Atemberaubend.

«Mutter und Sohn» ist eine immersive 360-Grad-VR-Produktion (ZDF/Arte) des Künstlers Jonathan Meese über die Entstehung eines «Gesamtkunstwerks der Zukunft». Zwischen Vision und postmoderner Beliebigkeit.

«Kidder and Shamed», zwei Videoprojekte der erfolgreichen Plattform BBC the social (BBC Scotland), ist Storytelling aus der Perspektive der Generation Smartphone. Kreativ, immersiv, emotional und relevant: Der 13-Minuten-Film über den jungen Schotten Paul Kidder und seine Probleme mit dem Erwachsenwerden und das 10-Minuten-Video «Shamed» über das verbreitete Phänomen der Rachepornos sind ebenso ambitioniert wie erfolgreich: Über 80% der jugendlichen Zielgruppe (18-24 Jahre) haben sich die Folgen auf den sozialen Kanälen von BBC the social angesehen.

Cannabis-Farmen, Kokain-Küchen, Ecstasy-Labore: Die interaktive Webdoc «The industry» der niederländischen Produktionsfirma Submarine Channel bringt die vollen Ausmasse der illegalen Drogenindustrie in den Niederlanden an den Tag. Was für Menschen stecken dahinter? Wie gross ist das Netzwerk wirklich? «The industry», das sind erzählte Geschichten, in Audio, in 70 mittels Zed-Scannern erfassten, frei navigierbaren räumlichen Szenen, dazu Datenjournalismus und -visualisierung, Karten, Hintergründe. Gespenstisch, aber hochspannend.

«Bytes/Pieces» von SRF Virus ist eine journalistische Videoserie für ein Publikum zwischen 12 und 34 Jahren, eine Koproduktion zwischen der Influencerin Rosanna Grüter, einem Kamerateam und SRF-Data. Relevant, à fonds und transparent recherchiert, in Social-Media-Formaten und unterhaltend: «Bytes/Pieces» wagt eine gleich mehrfache Gratwanderung.

Am 7. Juli 1961 brach in der tschechischen Kohlengrube «Dukla 61» Feuer aus. 108 Grubenarbeiter starben. Die Webdoc «Dukla 61» des tschechischen Fernsehens erzählt die dramatische, vom kommunistischen Regime totgeschwiegene Geschichte des drittgrössten Grubenunglücks in der Geschichte Tschechiens, interaktiv, Stunde für Stunde, in dokumentarischem Filmmaterial, Animationen und Malerei und eindrucksvollem Industriesounddesign: Visuell virtuos und bedrückend.

«Dutch Arms: Explosive Exports», das Investigativjournalismusprojekt der niederländischen Produktionsfirma «Lighthouse Reports» (zusammen mit Bellingcat), enthüllt das wahre Ausmass nach niederländischem und EU-Recht illegaler niederländischen Waffenexporte in den Sudan, nach Libyen, in den Jemen. Recherchen auf Facebook, Twitter und Instagram, dazu Tools wie Google Maps, Google Earth und Google Translate, machten anfängliche Vermutungen in einem zwei Wochen dauernden Onlinerecherche-Bootcamp zu Beweisen. Die Website dutcharms.nl lieferte täglichen Erkenntnisgewinn, ein interessiertes Publikum steuerte weitere Hinweise bei. Epilog: Einen Monat nach der Aktion wurden die Exporte nach einem Hearing im Parlament gestoppt.

2017

Mit dem Grossprojekt «The Class» will der dänische Kinderkanal DR Ultra Kinder von 7 bis 12 besser erreichen. Deren bevorzugtes Medienformat ist die TV-Serie, ihr Habitat die Schulklasse, und so besteht «Klassen» bisher gegen 200 10-Minuten-Video-on-demand-Episoden über den Schulalltag mit seinen kleinen und grossen Problemen, aus Vlogs, aus realen Scriptwriting-Workshops an Schulen und jeder Menge Social Media und kluger Interaktion mit den Kindern. Eindrücklich: Jede Episode wird durchschnittlich von mehr als einer Viertelmillion Kindern gesehen, 70 Prozent aller dänischen Kinder sehen sich die Serie (oder einzelne Folgen davon) an. Beeindruckend.

Daten, das Erz des 21. Jahrhunderts, zwischen Freiheit und Überwachung: Das Projekt «Datarush» (Indi Film, SWR, NDR, Arte) thematisiert den Umgang der EU mit Daten in Film  («Democracy – im Rausch der Daten»), Webdoku und Game («Rapporteur»; Browsergame, App, Brettspiel). Sehr aufwändig gemacht und – mit Ausnahme des Films – interaktiv, aber in seiner grafischen Erscheinung ausgesprochen spartanisch und zuwenig sinnlich.

«Edit:Stories» besteht aus einer grossen Vielfalt aus zweieinhalb Minuten kurzen, persönlichen, mutigen Close-up-Filmporträts, die online, auf Facebook und am Fernsehen ausgespielt werden - als Clips, als Webserie und als Dokumentarfilme, die sich an junge Menschen zwischen 18 und 30 richten. Für mobile Nutzung optimierter, viraler Service public für die «Generation Klick».

Wieviel kostet Europa? «Europa wakosta» ist eine App des flämischen Radios und Fernsehens, die berechnet, wieviel die EU dieses Jahr kosten wird. Das Projekt will einem jüngeren Publikum die Finanzflüsse innerhalb der EU erklären. Mit einer App werden die User gefragt, wieviel der einzelne jährlich für die EU bezahlt. Die Zahl – in Belgien sind es 112 Euro – wird danach in Videosbeiträgen von Experten diskutiert und mit anderen Lebenshaltungskosten verglichen. Mobil, interaktiv, ästhetisch und verspielt, aber dennoch: Politik als blosse Kostenfrage.

«Si je reviens un jour  – les lettres retrouvées de Louise Pikovsky» ist die beklemmende Webdoku des Newskanals France 24 über einen Stapel Briefe der Schülerin Louise an ihren geliebten Lehrer und die 2010 in einem alten Schulschrank gefunden worden waren. Der allerletzte Brief datiert von dem Tag, als die Pikovskys nach Auschwitz deportiert wurden. Sie kamen nie zurück. Die Recherche der Journalistin Stephanie Trouillard ist schlicht, ohne audiovisuelle Elemente, aber sorgfältig gemacht und, als Geschichte einer bisher unbekannten Anne Frank, verstörend.

«Ashes to ashes» (mp4) ist eine elf Minuten lange surrealistische One-Take-Tragikomödie in VR, produziert von der niederländischen Produktionsfirma Submarine Channel. Der Anfang ist der Wunsch eines Grossvaters, seine Asche aus dem Flugzeug übers Land streuen zu lassen, das Ende ist ein wüster Familienstreit. Klamauk aus der Perspektive einer Urne: Technisch und medial staunenswert, inhaltlich ziemlich seicht.

«50 Küchen, eine Heimat» der Deutschen Welle ist Crossmedia-Projekt über die Multikulturalität der westlichen Gesellschaften und eine Weltreise durch all die Küchen, die in Berlin anzutreffen sind. Eine TV-Serie aus 50 kurzen Filmen, ein Web-Special, ein Kochbuch und am Ende eine Riesenparty: Publizistisch in der Federgewichtsklasse, aber sympathisch.

«Quake» ist ein primär für mobile Nutzung gedachtes Multimediaprojekt von BBC, Radio 4 und der EBU über verheerende Erdbeben. Im Kern besteht «Quake» aus 12 binauralen, im Stil einer graphic novel animierten Kurzhörspielen, dazu aus einem VR-360-Grad-Video aus der Perspektive eines unter Trümmern eingeschlossenen Opfers und einer Reihe thematischer Wissenschaftsbeiträge. Eine heikle Gratwanderung zwischen humanitärem Engagement und Effekthascherei.

Was haben Millionen von Finnen gemeinsam? Genau: Ein Vogelhaus. «One Million Birdhouses» war eine Multi- und Social-Media-Kampagne des finnischen Radios und Fernsehens YLE mit dem Ziel, möglichst viele neue Vogelhäuser bauen zu lassen, um dem Artenrückgang Einhalt zu gebieten. To cut a long story short: Finnland ist ein Land der komischen, vor allem aber der vielen Vögel: Am Ende hingen über 1 312 541 Millionen minutiös im Web dokumentierte und registrierte neue Vogelhäuser in finnischen Bäumen. Herrlich schräg.

«The Revolt against Scales» des finnischen Radios und Fernsehens ist ein medial höchst erfolgreich inszenierter Aufstand der finnischen Radiomoderatorin Jenny Lehtinen gegen gängige Schönheitsideale. Vollschlanke aller Gemeinden, vereinigt euch: Mit neuem Selbstbewusstsein und einem neuen Lifestyle gegen den Schlankheitswahn, erst auf Facebook, danach im Web, als Podcast, endlich als TV-Dokserie und, als Event, auf der Strasse: Voll fett.

Mit seinem Projekt «Die Weltherrschaft» sagt der ORF der gezielten Desinformation den Kampf an - mithilfe eines Online-Bastelsets für Verschwörungstheorien in Form von Zweiminuten-Videoclips. Katzen, Clowns, Zahnärzte oder Schlagerstars auf dem Weg zur Weltherrschaft – bau Dir Deine eigenen fake news: Gelungene Mediensatire à la viennoise.

Here VR: Mit «The BBC at the Festival, Virtually» experimentiert die BBC mit neuen Formaten. Die von Künstlern gemachte VR-App bietet einen virtuellen Besuch des 70. Kunstfestivals Edinburgh, des grössten der Welt. Mehr Kunstwerk als Reportage, aber leider nur für Samsung Gear.

Das Dokuprojekt «Tahrib – die unendliche Reise» von BR, dem Stern und UFA Lab besteht aus einem grossformatigen, aus dokumentarischen Aufnahmen und Graphic-novel-Elementen bestehenden Dokumentarfilm über die Flüchtlingskrise in Afrika und die Integrationsbemühungen in westliche Gesellschaften, einer Serie von Web-Videoclips, einer interaktiven Webdoku («Wir schaffen das, wenn...») und einer grossangelegten Facebook-Kampagne. Packend.

«The Final Days of Standing Rock» ist eine Webdoku des niederländischen Rundfunks VPRO über die gewaltsame Räumung des grössten Protestcamps in «Standing Rock», dem drittgrössten Indianerreservat der USA, in dem junge Amerikanerinnen und Amerikaner bis Februar 2017 gegen den geplanten Bau einer Ölpipeline und für die Indianerrechte demonstrierten. Low-cost, low-fi, high quality: Eine kluge, nachdenklich machende Multimediareportage aus der Hand einer einzigen Radiofeatureautorin.

Das Big-Data-Projekt «Datak – un jeu sur les données personnelles» des Westschweizer Radios RTS thematisiert unseren sorglosen Umgang mit persönlichen Daten. Nutzen und Gefahren, Recht und Politik – zu Beginn als Online-Umfrage, am Ende als ausgewachsenes «Serious Game». Als Mitarbeiter des Bürgermeisters bereitet der User dessen Entscheidungen vor (Überwachungskameras installieren?) oder nimmt zuhause an Onlinewettbewerben teil (Handynummer eingeben!). Jede Entscheidung wird bewertet (Aufwand, Wissen, Zeit). Das Game ist kostenlos, mobiloptimiert – und nein: Es sammelt keinerlei Daten.

«Kliemannsland» ist ein Videochannel von Cineteam Hannover und Norddeutschem Rundfunk. Starring: Eine Horde wildgewordener Youtuber und Spielplatz für junge Erwachsene von 16 bis 30, die aus einem alten Bauernhof einen Erlebnispark der Superlative und junge User zu virtuellen Bürgern machen wollen. Zwei Videos pro Woche, viel Social Media, viel Interaktion und Interaktivität; auf Youtube, Website, Twitter, Facebook und Instagram – «Kliemannsland» ist eine Heimat für ziemlich schräge Vögel.

Geschichtsvermittlung, transmedial inszeniert: «The History of Denmark» des dänischen Radios DR ist der Versuch, das moderne Dänemark unter der Tagline «Du bist Teil der Geschichte» für die eigene Geschichte zu begeistern: Medial («watch the story»), interaktiv («control the story»), immersiv («be in the story») und partizipativ («tell the story»). Zehn Stunden Fernsehen, Dutzende Stunden Lokalradio, 200 Onlineartikel; graphic-novel-style gamification, Fun-Videos à la «Was, wenn Hans Christian Andersen ein Smartphone gehabt hätte?», öffentliche VR-Events, User-generated Content: Geschichtsunterricht, multimedial entstaubt.

«Planet infini» von Arte France ist ein postapokalyptisches Kunstprojekt, eine äussers aufwändige 360-Grad-VR-Dystopie (mit Surround-Sound) der japanischen Künstlerin und Filmemacherin Momoko Seto, angesiedelt in einer Zeit nach dem Aussterben der Menschheit. Die Welt ist bevölkert von überdimensionierten Pilzen, Insekten und Lurchen, die äusserst realistisch wirkende Szenerie ist zusammengesetzt auf unzähligen realen Filmaufnahmen. Allein das Rendering benötigte die Leistung eines Supercomputers während einer vollen Woche. Das Ergebnis: Geradezu beängstigend schön.

Die Forschung zeigt, dass bei den indigenen Sami in Nordschweden (insbesondere bei jungen Erstwählern) die Wahlbeteiligung (etwa ins Sami-Regionalparlament) stetig sinkt – und dass die politische Meinungsbildung immer weniger von Medien als vielmehr von den Diskussionen am Küchentisch der Familie beeinflusst wird. Vorhang auf für «The Digital Kitchentable» des schwedischen Radios SR. Wissenschaftliche Forschung, interaktive, Mobile-first-Onlineartikel, ein Chatbot (via Facebook-Messenger) als Medienführer zum Angebot des schwedischen Radios, Quizzes, Datenvisualisierung – alles mit dem Effekt, dass in den Regionalwahlen 2017 die Wahlbeteiligung zum ersten Mal wieder gestiegen ist.

Das tschechische Fernsehen Decko bittet zum Tanz: «Street Star Dance» ist ein Tanzkurs der etwas anderen: Street-Dance-Stars gehen der Geschichte von Tänzen, Stilen und Moves auf den Grund. Street Dance mit ernstem kulturgeschichtlichem Hintergrund (Breakdance? Ein Enkel des Salsa!), für ein älteres Publikum on air am Fernsehen, für Kinder und Jugendliche on demand in den sozialen Medien, für Tanzfans jeden Alters als Live-Events: Nett.

«The Isdalen Mystery» ist eine investigative Recherche des norwegischen Rundfunks P2: Ein sogenannter «kalter» Mordfall, der sich im November 1970 im «Eistal» bei Bergen zugetragen hat und der bis heute nie aufgeklärt wurde – der Fund der verstümmelten Leiche einer jungen Frau, einer mutmasslichen Spionin, die immer wieder mit unbekanntem Ziel durch ganz Europa gereist war und die nun mit schweren Verbrennungen tot zwischen den Felsen lag. Wer war die Frau? Was war ihre Mission? Und wer hat sie weshalb umgebracht? Videos, Multimediaartikel, Radiobeiträge, Podcasts, ein Dokumentarfilm, eine Website mit enormem Impact auf Facebook und Youtube; schliesslich der überraschende Fund des verschollen geglaubten Oberkiefers des Opfers und neue Ermittlungen der norwegischen Polizei: Noch ist der Fall nicht gelöst. Aber die Spuren werden wärmer. Packend, aber problematisch.

Das Projekt «Uploading Holocaust» der Produktionsfirma Gebrüder Beetz (im Auftrag des Bayerischen Rundfunks) setzt sich mit dem Erinnerungsverlust, der mit dem Tod der letzten Holocaust-Zeitzeugen einhergeht. Ein Dokumentarfilm aus Youtube-Material gibt einen beklemmenden Eindruck der Holocaust-Rezeption heutiger Jugendlicher wieder, die Website lädt dazu ein, Fragen über das eigene Erfahren des Holocaust (in der Schule, in Literatur und Kunst, in den Medien, auf Reisen) zu beantworten. «Uploading Holocaust» will kein neues Shoah-Memorial im Netz entstehen lassen, sondern ist auf der Suche nach Antworten auf die Fragen nach gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Völkermord und drohendem Vergessen.

«Local Food Is Good Food» des finnischen Radios YLE bricht eine Lanze für Lebensmittel aus der Region: Eine Aufgabe (fünf Tage Kochen, von morgens bis abends), der bekannte Chefkoch Michael Björklund, ausschliesslich saisonale Zutaten aus einem Umkreis von höchstens 30 Kilometern und eine Menge Fragen. Wie schmeckt Dachs, wie Bisamratte? Und vor allem: Wodurch ersetzt man Kaffee? Antworten gaben eine TV-Show, diverse Radiosendungen, ein Liveblog und jederzeit das Publikum – Bauern, Fischer, Gärtnerinnen und Köchinnen jeder Couleur. Am Ende gab's nette Facebook-Statistiken – und ein (lokales) Festessen.

«Kreuz & Queer» von SRF Virus und Vice Switzerland thematisiert stereotype Vorstellungen von Geschlecht oder Sexualität, authentisch und unpolitisch, in TV- und Videobeiträgen, Radiointerviews, Illustrationen und Fotos, für Facebook und ein ganzes Social-Media-Ökosystem. Minutiöse Vorbereitung, ein kleines Produktionsteam, ein sensibler Moderator und ausserordentliche Protagonistinnen und Protagonisten: Eine erfolgreiche, aber heikle Gratwanderung zwischen Tiefgang und Voyeurismus.

2016

In «Notes on Blindness» entführt Arte («Type:Rider») sein Publikum in die Welt der Blinden. «Notes on Blindness» ist ein preisgekröntes, interaktives Dokumentarfilm-Binauralaudio-Podcast-Transmedia-360-Grad-Virtual-Reality-Game-Projekt der Superlative auf der Basis des fesselnden Audiotagebuchs des blinden Professors John Hull. Einem sehenden Publikum die Augen öffnen: Erschütternd und poetisch zugleich.

«Abseits» ist eine gross angelegte Web- und Social-Media-Doku über die dunkle Seite des Fussballs. Sie besteht aus insgesamt 99 «Spielkarten» in Form von Videoporträts und -geschichten über Korruption, Doping, Manipulation, Sucht und Depression als Kontrapunkt zur Berichterstattung über die Fussball-EM 2016. Ein tägliches Päckchen 2-5-Minuten-Video-«Karten» zum Anschauen, Sammeln, zum Tauschen und Teilen – Investigativjournalismus, getarnt als Social Media, von den Machern von «Gaza Sderot» und «Prison Valley», produziert von Arte und BR mit Unterstützung von Tamedia, in Deutsch und Französisch. Raffiniert.

Da da da: Mit dem Onlinecabaret «Dada Data» feiern Arte, SRG-SSR das 100-Jahr-Jubliäum der Dada-Bewegung, die am 5. Februar 1916 im Zürcher «Cabaret Voltaire» ihren Anfang nahm. «Dada Data» ist eine fünfsprachige (!) Webdoku in Form einer Serie von sechs interaktiven Dada-«Hacktions» und einem zufallsbasierten «Antimuseum», dem «Dada-Depot». Ein Dada-Adblocker, eine 3D-Druck-Liveübertragung, ein Dadapoesie-Twitterautomat, ein Dadagram-Bildergenerator, ein Handy-Marionettencontroller und Dada-Hackathons in Zürich, Montreal und Tokio: Hugo Ball, Marcel Duchamp und Otto Dix hätten ihre helle Freude gehabt.

Für das Projekt «Super Stream Me» haben zwei Reporter des Sender VPRO 15 Tage lang ihr gesamtes Leben ins Netz gestreamt: Permanente tragbare Live-Kamera, Best-of auf Youtube, die gesamte Kommunikation, aktueller Ort, Herz- und Atemfrequenz, Körpertemperatur, Anzahl Schritte pro Tag, aktuelle Stimmung. Der gläserne Mensch im 21. Jahrhundert als Webstream und in vier Doku-TV-Episoden, vom hippen Anfang bis zum bitteren Ende, zum Abbruch des Experiments und einer Monate dauernden Psychotherapie der beiden Protagonisten: Beängstigend.

«Two Degrees» übersetzt Konsumverhalten in Erderwärmung: Wenn jeder Mensch ein Smartphone kauft, nur noch grüne Energie nutzt, mehr rotes Fleisch isst – wie lange dauert es, bis sich die Erdatmosphäre um die 2 Grad erwärmt hat, die 2015 vom Klimagipfel in Paris als Ziel formuliert wurden? Wie rasch tickt die Endzeituhr? Und was passiert, wenn die Erwärmung nicht nur 2, sondern 3, 4 oder 5 Grad zunimmt? Klimawandel, übersetzt in den Alltag eines schwedischen Smartphone-Users: Beispielgebend.

Wie Kinder für Politik begeistern? Mit dem Projekt «Rainbow Institute of Science», einem Online-Game über ein geheimes Wissenschaftsinstitut, will das tschechische Fernsehen seine jugendlichen User in politische, soziale, wirtschaftliche und ökologische Problemlösungen involvieren. Wöchentlich ein neues Problem, jeweils fünf unterschiedliche Meinungen, Lernvideos, viele mögliche Lösungen, ein persönliches Superheldenprofil – Schulfernsehen 3.0. Sehenswert.

«Exils» ist die Geschichte von sechs Flüchtlingen und des RTS-Journalisten Nicolae Schiau, einer drei Wochen dauernden Reise von Rakka, Syrien, bis in den «Dschungel» von Calais. Es ist die Geschichte einer verzweifelten Reise aus der Flüchtlingsperspektive, in Echtzeit, mit GoPro-Kameras gefilmt, rund um die Uhr auf dem Smartphone produzert. Immersiv, interaktiv, publiziert im Web, auf Facebook, Instagram, Twitter, Soundcloud, Periscope, WhatsApp; eine mehrfache Gratwanderung zwischen Selbstinszenierung und Flüchtlinselend, zwischen Berichterstattung und Denunziation, zwischen Journalismus und Voyeurismus. Heikel.

«Klara» ist das Klassikradio Belgiens. «Klarafy» ist ein Onlinetool, das deinen Musikgeschmack ermittelt und ihn in klassische Musik übersetzt. Mit der eigenen Spotify-Playlist ist die klassische Diskothek buchstäblich nur einen Klick entfernt. Auf der Basis von Genre, Stimmung, Tonart und Tempo der Songs, mithilfe von Open-Source-Technologie zur Kategorisierung von Musik und vor allem aufgrund monatelanger Arbeit eines Teams von Musikologen ermittelt das Tool, was dir gefallen könnte. Pop–Klassik retour: Faszinierend.

20 Prozent aller jungen Menschen in Finnland leiden eimal in ihrem Leben an einer psychischen Erkrankung, doch die Mehrheit behält ihr Problem aus Scham für sich. «Mental» ist ein Projekt des finnischen Fernsehens YLE, in dem junge Menschen offen über ihre Probleme sprechen. Als erstes eine fiktionale Youtube- und TV-Serie, danach eine grossangelegte Social-Media-Kampagne unter Einbezug jugendlicher finnischer «Influencers», die immer weitere Kreise zog, und schliesslich der Chat-Service «Mental 247», mit dem Betroffene rasch und rund um die Uhr professionelle Hilfe holen konnten: «Mental» gab jungen Menschen eine Sprache für das Unaussprechliche. Eindrucksvoll.

Was mit Papier: «Paperworks» ist ein drei Wochen dauerndes User-Generated-Content-Kunstprojekt des dänischen Rundfunks DR. Vom einfachen Cartoon über den aufwändig gefalteten Turnschuh bis zum sekundenschnellen Abtragen eines Papierstapels mithilfe einer Schleifmaschine; von Facebook und Instagram bis zur virtuellen Kunstausstellung und zum realen Live-Event und zum gedruckten Buch: Der Kreativität der Däninnen und Dänen waren keine Grenzen gesetzt. Augenzwinkernd.

Eine Reise ans Ende des Internet: «White Spots», ein Projekt des niederländischen Sender VPRO, visualisiert mithilfe einer Network-Scanner-App die zahllosen Datennetze, durch die wir uns täglich bewegen, und weist den Weg in die nächste Internet-freie Zone, entweder im Karten- (auf der Basis von Big-Data-Auswertungen) oder im VR-Modus (mithilfe von Google Cardboard). «White Spots» erzählt darüberhinaus von Menschen, die jenseits aller WLANs leben: in Kurzvideos vom sudanesischen Blogger, der täglich Stunden zu Fuss ins Internetcafé geht, vom ukrainischen Bauer, der für Handyempfang auf den nächsten Berggipfel steigen muss, vom Lifestyle-Offliner in Brasilien, dessen Bar jedes Handysignal radikal blockiert. Bedenkenswert.

«BBC The Social» ist das erste Social-Media-Vollprogramm von BBC Scotland. Musik, Lifestyle, Gaming, Comedy; tages- und stundenaktuell, kurz, rotzfrech und interaktiv; in Video, Audio, Text, Foto; im Web, auf Facebook, Tumblr, Twitter, Instagram, Vine und Youtube; geplant in Meetings, Chats, Timelines oder Skype: Online erst seit Dezember 2015, erreicht «BBC The Social» heute bereits über 2 Millionen Unique Users allein auf Facebook. Radikal.

«Syria's Silence» und «Ryad's War Oil» sind zwei 360-Grad-Videoreportagen des belgischen Journalisten Jens Franssen (VRT) – handgemacht, mit einem herkömmlichen Radiomikrofon, 3 GoPros und einem selbstgeschweissten Trägergestell. Sie lassen sich online ausspielen, aber ihre immersive Gewalt erschliesst sich erst beim Tragen einer VR-Brille mit Kopfhörer. Der Schrecken des kriegsversehrten Syrien, hautnah. Atemberaubend.

2015

Politik ist die Kunst der Inszenierung, doch wer zieht die Fäden? Das ZDF hat aus öffentlichen Daten Lobbyradar gebaut: eine Big-Data-Anwendung, die sagt, was Sache ist.

ABBA, Astrid Lindgren, Ingmar Bergman: Der schwedische Rundfunk erzählt Geschichten aus den 90 Jahren seines Bestehens. In Hunderten von Fotos und O-Tönen. Schlicht und ergreifend.

Der Zweite Weltkrieg versinkt im Dunkel des Vergessens. Die niederländischen Medienmacher stellen dar, was der Krieg wirklich war: eine Katastrophe unbegreiflichen Ausmasses. Das Serious Game Wartime Stories erzählt drei Geschichten dreier Menschen. Verstörend.

Julio Cortázars Werke zählen zum Kanon der französischen Literatur, und seine zirkuläre Kurzgeschichte «Continuidad de los Parques» sticht aus allen Erzählungen heraus. Continuidad von Radio France Culture ist eine ebenso verspielte wie kunstvolle Annäherung an einen ganz besonderen Text.

Die Welt ist Klang, und Sounds sind Musik: Mit dem Transmedia-Projekt Soundhunters und der gleichnamigen App macht Arte sein Doku-Filmpublikum zu Tonjägern und -sammlern.

Als ob Fussball nur aus Weltmeisterschaften und Fifa bestünde! Submarine Channel richtet den Blick auf die Menschen, die nahe der WM-Stadien leben. Who are the Champions?

Verbrechen machen Schlagzeilen. Was geschieht eigentlich nach dem Urteil? Das belgische RTBF macht uns zu Häftlingen, die eine vorzeitige Entlassung beantragen. Und die damit scheitern. L'homme au harpon.

Vom Quiz- zum Wahlduell: SRF mobilisiert die jungen Wählerinnen und Wähler einmal anders. Handybildschirm frei für die App Politbox.

Flüchtlinge abseits der Dramen an Europas Grenzen: Submarine Channel hat das Flüchtlingslager bei Dohuk im kurdischen Teil Iraks besucht. Refugee Republic ist eine lebenspralle Webdoc, ein Stück konstruktiven, aber kontroversen Journalismus.


Prix Europa: Jurydebatte im Haus des Rundfunks, Berlin. (Bild: Jan Kopetzky)

2014

Die Grippe kennt kein Pardon. Daher muss eine nüchterne Aufzählung reichen: «Last Hijack» (Submarine Channel, ZDF); «Type:Rider» (Arte France); «25 Hour Jerusalem» (Arte, BR); «The Dark Side of the Italian Tomato» (Al Dschasira, RFI). Danke, Ulrike Kuske!

2013

Warum die Politik nicht mit den wirklichen Fragen der Bürger konfrontieren? Im Vorfeld der Lokalwahlen 2012 forderte «The Big Election Ask» (VRT) die Flamen auf, Ihre ganz konkreten Wünsche an die Politik zu formulieren. 12 000 taten das, und die Kandidaten versprachen das Blaue vom Himmel – im Web, am Radio, am Fernsehen, hunderttausendfach kommentiert von den Usern. User-generated politics.

Gibt es Grenzen der Meinungsäusserungsfreiheit? «Die Zürcher Prozesse» (SRF) waren, ganz in der Theatertradition eines Aischylos, ein drei Tage dauerndes fiktives Gerichtsverfahren – mit einer hoch relevanten Fragestellung, echten Richtern, echten Protagonisten. Und nicht zu vergessen: einem echten Publikum.

Euphemismen sind im Schwang wie nie: Oil spill für Umweltkatastrophe, waterboarding für Folter, collateral damage für zivile Kriegsopfer – das Projekt «Unspeak» (Submarine Channel) nimmt die sprachliche Verschleierung kunstvoll aufs Korn und analysiert sie. Wörter als Bausteine des Bewusstseins: Sprach- und denkscharf.

Multimedial Geschichte erzählen, wie sie sich vor exakt 100 Jahren zugetragen hat: Dies ist das Ziel des Portals «Century Ireland» (RTE), der in einer zweiwöchentlich erscheinenden Onlinezeitung und einem täglichen History-Newsfeed die Wirren Irlands zur Zeit des Ersten Weltkriegs nachzeichnet. Höchst lebendig, das Gegenteil von museal.

Die Gebrüder Grimm hätten ihre helle Freude gehabt: «Picnic with Cake» (Submarine Channel) heisst das interaktive Märchen, das eine Geschichte in 15 Episoden aus 15 verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Liebevoll verspielt, für Kinder jeden Alters.

Auf den Spuren Marco Polos: Das Projekt «Seidenstrasse» (SRF) besteht aus sieben Dok-Filmen und einer interaktiven Reise von Venedig, Italien, nach Xi'an, China. Audio, Bildergalerien, 360-Grad-Fotos, Videos und eine interaktive Weltkarte: eine faszinierende Reise durch Zeit und Kontinente.

Richard Wagner, ein Komponist zwischen Genius und Rassenwahn, zwischen Mythologie und Modernität: «Wagnerwahn» (Gebrüder Beetz Filmproduktion) ist ein Gesamtkunstwerk, das einen Dokumentarfilm, ein Buch und eine interaktive graphic novel in Form einer App für iOS umfasst. Irritierend und inspirierend zugleich.

2012

Ein Comicheft des 21. Jahrhunderts: «The Art of Pho» (Submarine Channel) ist ein Motion-Comic-Gesamtkunstwerk auf der Basis einer graphic novel des Künstlers Julian Hanshaw. Poetisch und berührend.

Athen, Bogotà, Nairobi, New York, Paris, São Paulo, Singapur, Turku: «Défense d'afficher» (France Télévisions) ist eine interaktive Webdoku über Untergrundkünstler in acht Städten. Graffitti als Ausdruck für den Zustand der Welt: Atemberaubend.

«Lebt wohl, Genossen» (Gebr. Beetz Filmproduktion Berlin, Arte, ZDF) ist ein Crossmediaprojekt der Superlative: Eine sechsteilige Fernsehserie, ein Buch, eine opulente Webdoku lassen die Sowjetunion wieder auferstehen. Nicht als Supermacht, sondern als beklemmendes Lebensgefühl Dutzender von Protagonisten.

Schneidere dir dein eigenes Radioprogramm: Der Sound von SRF 3, dazu die Kulturnachrichten von SRF 2 Kultur plus das Echo der Zeit von SRF 4 News? Kein Problem: DIY.fm, das Prix-Europa-Projekt aus dem Hause TPC (SRF), macht's möglich. Bestechend.

Kapikule (zwischen der Türkei und Bulgarien), Terespol (zwischen Polen und Weissrussland), Vaalimaa (zwischen Finnland und Russland): Alle drei Orte liegen an der Ostgrenze der EU. «Portrait de frontieres» (Idfabrik, TV 5 monde) ist eine sensible Webdoku über Grenzen – Grenzen von Ländern, von Horizonten und von Möglichkeiten. Multimediajournalismus at its best.

2011

Grossartige Fotografie, beklemmende Erzählungen: In 12 schlichten, meisterhaft gestalteten Audioslides zeigt die Webdoku «À l'abri de rien» (Textuel La Mine, Samuel Bollendorff, Mehdi Ahoudig) das Elend versteckter Obdachlosigkeit in Frankreich. Ergreifend.

«Memory Loops» (BR, ARD) ist ein grossangelegtes, App- und Geolocation-basiertes Audioprojekt mit Hunderten von Tonspuren, die den nationalsozialistischen Terror in München dokumentieren. Beklemmend.

Den Nimbus einer belebten Strasse in einer Schweizer Stadt einfangen: Das ist das Ziel von «360 Grad Langstrasse», einem TV- und Webdoku-Projekt von SRF. Ein multimediales Schlaglicht auf gross- und kleinbürgerliche Urbanität im 21. Jahrhundert.

2010

Mit dem Projekt «BBC Lab UK» hat die BBC den Beweis angetreten, dass User-Generated Content nicht nur in den Medien, sondern auch in der Wissenschaft zu staunenswerten Ergebnissen führen kann. Eindrucksvoll.

«Prison Valley» ist eine opulente TV- und Webdoku aus Cañon City, Colorado (Upian, Arte France), ein düsteres Porträt der Gefängnisindustrie im von Krisen gezeichneten Amerika. Staunenswert und bedrückend.

2009

Gaza und Sderot liegen nur drei Kilometer auseinander. Sie könnten Nachbarstädte sein, wenn zwischen ihnen nicht die konfliktträchtigste Grenze der Welt verliefe: «Gaza Sderot» (Upian, Arte France) ist ein TV- und Webdoku-Projekt, das Menschen in ihrem Alltag porträtiert. Krieg und Frieden 2009: Verstörend.