Glamhacks

Hackathons sind der Hot Spots für digitale Skills, stellte Kollegin Nada Endrissat von der Berner Fachhochschule jüngst in einem Aufsatz fest. Tatsächlich hat mich wenig so sehr beflügelt wie die jährliche Teilnahme am Swiss Open Cultural Data Hackathon – der Output, fünf verspielte Web-Apps und eine Menge Erkenntnisse über den praktischen Nutzen von Open Data, werden von Bildungs- und Gedächtnisinstitutionen noch heute nachgefragt.

Aus diesem Grund habe ich für den Deutschen Museumsbund und dessen Zeitschrift Museumskunde in einem Paper (pdf) festgehalten, weshalb Museen, Bibliotheken, Galerien und Archive sich nicht länger auf Datenproduktion und -publikation beschränken können, sondern um die Veranstaltung eigener Hackathons und Coding Contests nicht mehr herumkommen.

So steht denn ausser Frage, dass ich auch dieses Jahr wieder am Schweizer Kulturdatenhackathon teilnehmen werde. Auf dass sich meine Kultur-Hacks tüchtig weitervermehren.


Swiss Open Cultural Data Hackathon 2018 im Schweizerischen Nationalmuseum, Zürich. (Bild: Thomas Bochet)

Social Distancing

Die Voraussetzung für Livemusik ist im Allgemeinen ein physisches Zusammentreffen der Musiker. Und daher ist, ebenfalls im Allgemeinen, von den Behörden angeordnetes social distancing das natürliche Ende jeden Musizierens. Wenn da, im Besonderen, nicht der Zufall wäre: An der letzten Bandprobe vor dem Lockdown hat Sängerin Barbara Andrey – als Gedächtnisstütze – den neuesten Song von Blues Green mit dem Handy aufgenommen. Zusammen mit Playback-Selfie-Videos aus den guten Stuben der Bandmitglieder ergibt das am Ende doch noch einen unerwarteten Auftritt.

Blues Green: «Your Heart is as Black as Night» (Barbara Andrey, voc; Jean-Luc Gassmann, p; Christoph Thiel, g; Lucio Crivellotto, g; Denis Pittet, tp; Thomas Weibel, b; Willi Marti, dr; Markus Karl, sax).

Home Office

Die Coronavirus-Pandemie verbannt viele ins Home Office, die individuelle Bewegungsfreiheit wird stark eingeschränkt. Vorlesungen und Besprechungen über Videochat sind zwar möglich, aber selbst im Heimbüro braucht es Pausen. Was tun, wenn die Pausenkaffee-Kolleginnen und -Kollegen fehlen? Basteln mit HTML 5. Zum Beispiel einen Social-Distancing-Rechner. Damit auch der hinterste Seniorenwanderer und die letzte Coronapartytigerin begreifen, wie notwendig es ist, Abstand zu halten und die weitere Ausbreitung des Virus zu bremsen. Und damit Leben zu retten.

Memories

Vor genau fünf Jahren, am 27./28. Februar 2015, fand in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern der erste Schweizer Kulturdaten-Hackathon statt. Und anlässlich der Berner Museumsnacht hätte, unter anderem mit meinen Kulturdaten-Spielereien, am selben Ort gefeiert werden sollen. Allein, es hat nicht sollen sein – die Museumsnacht wurde abgesagt, und damit fällt auch das von der Nationalbibliothek geplante Memoryspiel mit den Drucktypen der Gutenberg-Bibel dem Corona-Virus zum Opfer. Immerhin: Eine (im übrigen garantiert keimfreie) Version des Spiels gibt's online.


«Gutenberg Memory» (15./16. September 2017, Projektdokumentation im Wiki von Open Data Schweiz). (Bild: Valérie Hashimoto)

Toposwiss

Das Framework A-Frame der Mozilla Foundation erlaubt es, virtuelle Realitäten im Browser zu erzeugen, dreidimensional und stereoskopisch. Der grosse Vorteil ist die Zugänglichkeit: A-Frame macht Projekte möglich, die, plattformübergreifend, sowohl mittels VR-Brille als auch auf Desktop, Notebook, Tablet oder Smartphone dargestellt und genutzt werden können.

Auf mein erstes VR-Projekt, das ptolemäische Universum, folgt nun Toposwiss: Der Prototyp auf der Basis eines Open-Data-Höhenmodells des Bundesamtes für Landestopographie sowie des amtlichen Ortschaftenverzeichnisses bildet die Schweiz in einem 200-Meter-Raster detailgetreu ab. Der Betrachter befindet sich zu Beginn, sofern er einer Lokalisierung zustimmt, an seinem tatsächlichen Standort in der Schweiz. Eine Ablehnung führt nach Wengen im Berner Oberland; der Blick nach Südost gibt den Blick frei auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Die Farben markieren die jeweilige Höhe über Meer in 1000-Meter-Abstufungen; ein Klick lässt einen virtuellen Flug an jeden sichtbaren Ort zu. Ein Kompass gibt die Blickrichtung an, ein darunter befindlicher Höhenmesser die augenblickliche Höhe über Meer.


Blick auf die Eigernordwand (links), den Eigergletscher und die kleine Scheidegg.

Toposwiss ist durch Ortsnamen, geografische Längen- und Breitenangaben oder durch Postleitzahlen parametrierbar. Der URL thomasweibel.ch/topo/ führt zum aktuellen Standort oder zum Default-Ausgangspunkt Wengen; thomasweibel.ch/topo/?ort=Goeschenen nach Göschenen. Das Anfügen von Koordinaten in der Notation thomasweibel.ch/topo/?lon=624003&lat=96943 baut die Berglandschaft von Zermatt auf, thomasweibel.ch/topo/?plz=7050 jene von Arosa.

Offene Geodaten und Dokumentationen, HTML 5 und seine Geolocation-API, A-Frame und die zugrundeliegende Javascript-Bibliothek Three.js sind der Anfang von Web 3.0, des Web im Raum. Ob Orts- und Flurnamen, Berggipfel, Kulturstätten oder touristische Anlagen, ob als Navigationstool oder zur räumlichen Informationsvisualisierung: Zusammen machen diese Technologien und Daten Mobile-Anwendungen möglich, die bis anhin ausgewachsenen Geoinformationssystemen vorbehalten waren.

 
 
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