Bleistift: Illustration aus «Nerdcore».

Er ist so richtig altmodisch. Retro, wie das heute heisst, aber nicht auf diese hippe Art, sondern altväterisch bis ins Mark aus Graphit und Ton: der Bleistift. Die Welt ist voll von Kugelschreibern, Computerkeyboards und Handytastaturen, doch nichts kommt an ihn heran. Der Bleistift ist und bleibt unerreicht.

Lieber Bleistift

Du und ich, wir haben eine lange gemeinsame Geschichte. Ein halbes Jahrhundert, um genau zu sein. Vor fünfzig Jahren habe ich mit Dir meine ersten Kinderzeichnungen gekritzelt, danach die ersten Buchstaben, die ersten Briefe.

Ja, und irgendwann bin ich Dir untreu geworden. Irgendwann habe ich damit begonnen, meine Texte direkt mit der Tastatur zu verfassen. Aber Du und ich, wir wissen: Es waren nicht die besten Texte. Sie waren vielleicht spontan, aber wenig durchdacht. Frisch von der Leber weg, aber kaum reflektiert.

Wie kommt das? Du, Du hast gefehlt. Was der Mensch verstehen will, muss er erst be-greifen. Wie Dich, den Bleistift. Deine sechs Flächen, die zwischen die Schreibfinger passen, als seien sie da festgewachsen, Dein glattes, sattes Rot, das leise Raspeln Deines Anspitzens, das Dich und das Denken schärft, Dein sinnliches Kratzen auf dem Papier, das ein Schweifenlassen der Gedanken möglich macht und zugleich ihr Bündeln verlangt, das hat gefehlt.

Und deswegen schreibe ich für einmal einen Brief an Dich, den Bleistift. Den Stift mit einem Kern aus Blei, den schon die alten Ägypter und die alten Römer kannten, den Stift, den englische Hirten im Jahr 1564 neu erfanden, als sie an den Wurzeln eines umgestürzten Baums eine schwarze Masse entdeckten, mit der sie die Schafe leichter markieren konnten, den Stift, ohne den kaum ein Kunstwerk der Geschichte je entstanden wäre, Dich, den Stift, der im Grunde einen falschen Namen trägt, weil Dein Kern schon lange nicht mehr aus Blei, sondern vielmehr aus Graphit und Ton besteht.

Ich habe viel von Dir und mit Dir gelernt. Allem voran: Einen Text immer erst mit der Hand und mit Dir zu schreiben. Du hast mir beigebracht: Notiere den losen Gedanken, radiere alle Fehler aus, streiche alles Geschwätz weg, formuliere neu und wieder neu. Was am Ende übrigbleibt, wird besser sein. Lesens- und bedenkenswerter. Das ist Dein Verdienst: Dank Dir werden Wörter zu Texten, Einfälle zu Gedanken, Gedanken zu Reflexionen. Bei allen Tastaturen und Diktiergeräten dieser Welt: Als Werkzeug des Denkens bist und bleibst Du buchstäblich unerreicht.

In tiefer Verbundenheit, Dein

Thomas Weibel

Dieser Beitrag (mp3, ogg) entstand im Auftrag von Radio SRF 2 Kultur und wurde am 15. Juli 2015 im Rahmen der Serie «Unerreicht» (Sendung «Kultur kompakt») ausgestrahlt.