Der Prix Europa in Berlin ist das grösste Medienfestival für öffentlich-rechtliche Produktionen in verschiedenen Kategorien der Medien Fernsehen, Radio und Multimedia. Seit mehr als 10 Jahren nehme ich am Prix Europa teil, mal als Referent, mal als Liveblogger, fast jedesmal als Mitglied der Online-Jury. Eine ganz persönliche Shortlist.

2016 online

«Abseits» ist eine gross angelegte Web- und Social-Media-Doku über die dunkle Seite des Fussballs. Sie besteht aus insgesamt 99 «Spielkarten» in Form von Videoporträts und -geschichten über Korruption, Doping, Manipulation, Sucht und Depression als Kontrapunkt zur Berichterstattung über die Fussball-EM 2016. Ein tägliches Päckchen 2-5-Minuten-Video-«Karten» zum Anschauen, Sammeln, zum Tauschen und Teilen – Investigativjournalismus, getarnt als Social Media, von den Machern von «Gaza Sderot» und «Prison Valley», produziert von Arte und BR mit Unterstützung von Tamedia, in Deutsch und Französisch. Raffiniert.

Da da da: Mit dem Onlinecabaret «Dada Data» feiern Arte, SRG-SSR das 100-Jahr-Jubliäum der Dada-Bewegung, die am 5. Februar 1916 im Zürcher «Cabaret Voltaire» ihren Anfang nahm. «Dada Data» ist eine fünfsprachige (!) Webdoku in Form einer Serie von sechs interaktiven Dada-«Hacktions» und einem zufallsbasierten «Antimuseum», dem «Dada-Depot». Ein Dada-Adblocker, eine 3D-Druck-Liveübertragung, ein Dadapoesie-Twitterautomat, ein Dadagram-Bildergenerator, ein Handy-Marionettencontroller und Dada-Hackathons in Zürich, Montreal und Tokio: Hugo Ball, Marcel Duchamp und Otto Dix hätten ihre helle Freude gehabt.

Für das Projekt «Super Stream Me» haben zwei Reporter des Sender VPRO 15 Tage lang ihr gesamtes Leben ins Netz gestreamt: Permanente tragbare Live-Kamera, Best-of auf Youtube, die gesamte Kommunikation, aktueller Ort, Herz- und Atemfrequenz, Körpertemperatur, Anzahl Schritte pro Tag, aktuelle Stimmung. Der gläserne Mensch im 21. Jahrhundert als Webstream und in vier Doku-TV-Episoden, vom hippen Anfang bis zum bitteren Ende, zum Abbruch des Experiments und einer Monate dauernden Psychotherapie der beiden Protagonisten: Beängstigend.

«Two Degrees» übersetzt Konsumverhalten in Erderwärmung: Wenn jeder Mensch ein Smartphone kauft, nur noch grüne Energie nutzt, mehr rotes Fleisch isst – wie lange dauert es, bis sich die Erdatmosphäre um die 2 Grad erwärmt hat, die 2015 vom Klimagipfel in Paris als Ziel formuliert wurden? Wie rasch tickt die Endzeituhr? Und was passiert, wenn die Erwärmung nicht nur 2, sondern 3, 4 oder 5 Grad zunimmt? Klimawandel, übersetzt in den Alltag eines schwedischen Smartphone-Users: Beispielgebend.

Wie Kinder für Politik begeistern? Mit dem Projekt «Rainbow Institute of Science», einem Online-Game über ein geheimes Wissenschaftsinstitut, will das tschechische Fernsehen seine jugendlichen User in politische, soziale, wirtschaftliche und ökologische Problemlösungen involvieren. Wöchentlich ein neues Problem, jeweils fünf unterschiedliche Meinungen, Lernvideos, viele mögliche Lösungen, ein persönliches Superheldenprofil – Schulfernsehen 3.0. Sehenswert.

«Exils» ist die Geschichte von sechs Flüchtlingen und des RTS-Journalisten Nicolae Schiau, einer drei Wochen dauernden Reise von Rakka, Syrien, bis in den «Dschungel» von Calais. Es ist die Geschichte einer verzweifelten Reise aus der Flüchtlingsperspektive, in Echtzeit, mit GoPro-Kameras gefilmt, rund um die Uhr auf dem Smartphone produzert. Immersiv, interaktiv, publiziert im Web, auf Facebook, Instagram, Twitter, Soundcloud, Periscope, WhatsApp; eine mehrfache Gratwanderung zwischen Selbstinszenierung und Flüchtlinselend, zwischen Berichterstattung und Denunziation, zwischen Journalismus und Voyeurismus. Heikel.

«Klara» ist das Klassikradio Belgiens. «Klarafy» ist ein Onlinetool, das deinen Musikgeschmack ermittelt und ihn in klassische Musik übersetzt. Mit der eigenen Spotify-Playlist ist die klassische Diskothek buchstäblich nur einen Klick entfernt. Auf der Basis von Genre, Stimmung, Tonart und Tempo der Songs, mithilfe von Open-Source-Technologie zur Kategorisierung von Musik und vor allem aufgrund monatelanger Arbeit eines Teams von Musikologen ermittelt das Tool, was dir gefallen könnte. Pop–Klassik retour: Faszinierend.

20 Prozent aller jungen Menschen in Finnland leiden eimal in ihrem Leben an einer psychischen Erkrankung, doch die Mehrheit behält ihr Problem aus Scham für sich. «Mental» ist ein Projekt des finnischen Fernsehens YLE, in dem junge Menschen offen über ihre Probleme sprechen. Als erstes eine fiktionale Youtube- und TV-Serie, danach eine grossangelegte Social-Media-Kampagne unter Einbezug jugendlicher finnischer «Influencers», die immer weitere Kreise zog, und schliesslich der Chat-Service «Mental 247», mit dem Betroffene rasch und rund um die Uhr professionelle Hilfe holen konnten: «Mental» gab jungen Menschen eine Sprache für das Unaussprechliche. Eindrucksvoll.

Was mit Papier: «Paperworks» ist ein drei Wochen dauerndes User-Generated-Content-Kunstprojekt des dänischen Rundfunks DR. Vom einfachen Cartoon über den aufwändig gefalteten Turnschuh bis zum sekundenschnellen Abtragen eines Papierstapels mithilfe einer Schleifmaschine; von Facebook und Instagram bis zur virtuellen Kunstausstellung und zum realen Live-Event und zum gedruckten Buch: Der Kreativität der Däninnen und Dänen waren keine Grenzen gesetzt. Augenzwinkernd.

Eine Reise ans Ende des Internet: «White Spots», ein Projekt des niederländischen Sender VPRO, visualisiert mithilfe einer Network-Scanner-App die zahllosen Datennetze, durch die wir uns täglich bewegen, und weist den Weg in die nächste Internet-freie Zone, entweder im Karten- (auf der Basis von Big-Data-Auswertungen) oder im VR-Modus (mithilfe von Google Cardboard). «White Spots» erzählt darüberhinaus von Menschen, die jenseits aller WLANs leben: in Kurzvideos vom sudanesischen Blogger, der täglich Stunden zu Fuss ins Internetcafé geht, vom ukrainischen Bauer, der für Handyempfang auf den nächsten Berggipfel steigen muss, vom Lifestyle-Offliner in Brasilien, dessen Bar jedes Handysignal radikal blockiert. Bedenkenswert.

In «Notes on Blindness» entführt Arte («Type:Rider») sein Publikum in die Welt der Blinden. «Notes on Blindness» ist ein preisgekröntes, interaktives Dokumentarfilm-Binauralaudio-Podcast-Transmedia-360-Grad-Virtual-Reality-Game-Projekt der Superlative auf der Basis des fesselnden Audiotagebuchs des blinden Professors John Hull. Einem sehenden Publikum die Augen öffnen: Erschütternd und poetisch zugleich.

«BBC The Social» ist das erste Social-Media-Vollprogramm von BBC Scotland. Musik, Lifestyle, Gaming, Comedy; tages- und stundenaktuell, kurz, rotzfrech und interaktiv; in Video, Audio, Text, Foto; im Web, auf Facebook, Tumblr, Twitter, Instagram, Vine und Youtube; geplant in Meetings, Chats, Timelines oder Skype: Online erst seit Dezember 2015, erreicht «BBC The Social» heute bereits über 2 Millionen Unique Users allein auf Facebook. Radikal.

«Syria's Silence» und «Ryad's War Oil» sind zwei 360-Grad-Videoreportagen des belgischen Journalisten Jens Franssen (VRT) – handgemacht, mit einem herkömmlichen Radiomikrofon, 3 GoPros und einem selbstgeschweissten Trägergestell. Sie lassen sich online ausspielen, aber ihre immersive Gewalt erschliesst sich erst beim Tragen einer VR-Brille mit Kopfhörer. Der Schrecken des kriegsversehrten Syrien, hautnah. Atemberaubend.

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