Der Prix Europa in Berlin ist das grösste Medienfestival für öffentlich-rechtliche Produktionen in verschiedenen Kategorien der Medien Fernsehen, Radio und Multimedia. Seit zwölf Jahren nehme ich am Prix Europa teil, mal als Referent, mal als Liveblogger, fast jedesmal als Mitglied der Online-Jury. Eine ganz persönliche Shortlist.

2017

Mit dem Grossprojekt «The Class» will der dänische Kinderkanal DR Ultra Kinder von 7 bis 12 besser erreichen. Deren bevorzugtes Medienformat ist die TV-Serie, ihr Habitat die Schulklasse, und so besteht «Klassen» bisher gegen 200 10-Minuten-Video-on-demand-Episoden über den Schulalltag mit seinen kleinen und grossen Problemen, aus Vlogs, aus realen Scriptwriting-Workshops an Schulen und jeder Menge Social Media und kluger Interaktion mit den Kindern. Eindrücklich: Jede Episode wird durchschnittlich von mehr als einer Viertelmillion Kindern gesehen, 70 Prozent aller dänischen Kinder sehen sich die Serie (oder einzelne Folgen davon) an. Beeindruckend.

Daten, das Erz des 21. Jahrhunderts, zwischen Freiheit und Überwachung: Das Projekt «Datarush» (Indi Film, SWR, NDR, Arte) thematisiert den Umgang der EU mit Daten in Film  («Democracy – im Rausch der Daten»), Webdoku und Game («Rapporteur»; Browsergame, App, Brettspiel). Sehr aufwändig gemacht und – mit Ausnahme des Films – interaktiv, aber in seiner grafischen Erscheinung ausgesprochen spartanisch und zuwenig sinnlich.

«Edit:Stories» besteht aus einer grossen Vielfalt aus zweieinhalb Minuten kurzen, persönlichen, mutigen Close-up-Filmporträts, die online, auf Facebook und am Fernsehen ausgespielt werden - als Clips, als Webserie und als Dokumentarfilme, die sich an junge Menschen zwischen 18 und 30 richten. Für mobile Nutzung optimierter, viraler Service public für die «Generation Klick».

Wieviel kostet Europa? «Europa wakosta» ist eine App des flämischen Radios und Fernsehens, die berechnet, wieviel die EU dieses Jahr kosten wird. Das Projekt will einem jüngeren Publikum die Finanzflüsse innerhalb der EU erklären. Mit einer App werden die User gefragt, wieviel der einzelne jährlich für die EU bezahlt. Die Zahl – in Belgien sind es 112 Euro – wird danach in Videosbeiträgen von Experten diskutiert und mit anderen Lebenshaltungskosten verglichen. Mobil, interaktiv, ästhetisch und verspielt, aber dennoch: Politik als blosse Kostenfrage.

«Si je reviens un jour  – les lettres retrouvées de Louise Pikovsky» ist die beklemmende Webdoku des Newskanals France 24 über einen Stapel Briefe der Schülerin Louise an ihren geliebten Lehrer und die 2010 in einem alten Schulschrank gefunden worden waren. Der allerletzte Brief datiert von dem Tag, als die Pikovskys nach Auschwitz deportiert wurden. Sie kamen nie zurück. Die Recherche der Journalistin Stephanie Trouillard ist schlicht, ohne audiovisuelle Elemente, aber sorgfältig gemacht und, als Geschichte einer bisher unbekannten Anne Frank, verstörend.

«Ashes to ashes» (mp4) ist eine elf Minuten lange surrealistische One-Take-Tragikomödie in VR, produziert von der niederländischen Produktionsfirma Submarine Channel. Der Anfang ist der Wunsch eines Grossvaters, seine Asche aus dem Flugzeug übers Land streuen zu lassen, das Ende ist ein wüster Familienstreit. Klamauk aus der Perspektive einer Urne: Technisch und medial staunenswert, inhaltlich ziemlich seicht.

«50 Küchen, eine Heimat» der Deutschen Welle ist Crossmedia-Projekt über die Multikulturalität der westlichen Gesellschaften und eine Weltreise durch all die Küchen, die in Berlin anzutreffen sind. Eine TV-Serie aus 50 kurzen Filmen, ein Web-Special, ein Kochbuch und am Ende eine Riesenparty: Publizistisch in der Federgewichtsklasse, aber sympathisch.

«Quake» ist ein primär für mobile Nutzung gedachtes Multimediaprojekt von BBC, Radio 4 und der EBU über verheerende Erdbeben. Im Kern besteht «Quake» aus 12 binauralen, im Stil einer graphic novel animierten Kurzhörspielen, dazu aus einem VR-360-Grad-Video aus der Perspektive eines unter Trümmern eingeschlossenen Opfers und einer Reihe thematischer Wissenschaftsbeiträge. Eine heikle Gratwanderung zwischen humanitärem Engagement und Effekthascherei.

Was haben Millionen von Finnen gemeinsam? Genau: Ein Vogelhaus. «One Million Birdhouses» war eine Multi- und Social-Media-Kampagne des finnischen Radios und Fernsehens YLE mit dem Ziel, möglichst viele neue Vogelhäuser bauen zu lassen, um dem Artenrückgang Einhalt zu gebieten. To cut a long story short: Finnland ist ein Land der komischen, vor allem aber der vielen Vögel: Am Ende hingen über 1 312 541 Millionen minutiös im Web dokumentierte und registrierte neue Vogelhäuser in finnischen Bäumen. Herrlich schräg.

«The Revolt against Scales» des finnischen Radios und Fernsehens ist ein medial höchst erfolgreich inszenierter Aufstand der finnischen Radiomoderatorin Jenny Lehtinen gegen gängige Schönheitsideale. Vollschlanke aller Gemeinden, vereinigt euch: Mit neuem Selbstbewusstsein und einem neuen Lifestyle gegen den Schlankheitswahn, erst auf Facebook, danach im Web, als Podcast, endlich als TV-Dokserie und, als Event, auf der Strasse: Voll fett.

Mit seinem Projekt «Die Weltherrschaft» sagt der ORF der gezielten Desinformation den Kampf an - mithilfe eines Online-Bastelsets für Verschwörungstheorien in Form von Zweiminuten-Videoclips. Katzen, Clowns, Zahnärzte oder Schlagerstars auf dem Weg zur Weltherrschaft – bau Dir Deine eigenen fake news: Gelungene Mediensatire à la viennoise.

Here VR: Mit «The BBC at the Festival, Virtually» experimentiert die BBC mit neuen Formaten. Die von Künstlern gemachte VR-App bietet einen virtuellen Besuch des 70. Kunstfestivals Edinburgh, des grössten der Welt. Mehr Kunstwerk als Reportage, aber leider nur für Samsung Gear.

Das Dokuprojekt «Tahrib – die unendliche Reise» von BR, dem Stern und UFA Lab besteht aus einem grossformatigen, aus dokumentarischen Aufnahmen und Graphic-novel-Elementen bestehenden Dokumentarfilm über die Flüchtlingskrise in Afrika und die Integrationsbemühungen in westliche Gesellschaften, einer Serie von Web-Videoclips, einer interaktiven Webdoku («Wir schaffen das, wenn...») und einer grossangelegten Facebook-Kampagne. Packend.

«The Final Days of Standing Rock» ist eine Webdoku des niederländischen Rundfunks VPRO über die gewaltsame Räumung des grössten Protestcamps in «Standing Rock», dem drittgrössten Indianerreservat der USA, in dem junge Amerikanerinnen und Amerikaner bis Februar 2017 gegen den geplanten Bau einer Ölpipeline und für die Indianerrechte demonstrierten. Low-cost, low-fi, high quality: Eine kluge, nachdenklich machende Multimediareportage aus der Hand einer einzigen Radiofeatureautorin.

Das Big-Data-Projekt «Datak – un jeu sur les données personnelles» des Westschweizer Radios RTS thematisiert unseren sorglosen Umgang mit persönlichen Daten. Nutzen und Gefahren, Recht und Politik – zu Beginn als Online-Umfrage, am Ende als ausgewachsenes «Serious Game». Als Mitarbeiter des Bürgermeisters bereitet der User dessen Entscheidungen vor (Überwachungskameras installieren?) oder nimmt zuhause an Onlinewettbewerben teil (Handynummer eingeben!). Jede Entscheidung wird bewertet (Aufwand, Wissen, Zeit). Das Game ist kostenlos, mobiloptimiert – und nein: Es sammelt keinerlei Daten.

«Kliemannsland» ist ein Videochannel von Cineteam Hannover und Norddeutschem Rundfunk. Starring: Eine Horde wildgewordener Youtuber und Spielplatz für junge Erwachsene von 16 bis 30, die aus einem alten Bauernhof einen Erlebnispark der Superlative und junge User zu virtuellen Bürgern machen wollen. Zwei Videos pro Woche, viel Social Media, viel Interaktion und Interaktivität; auf Youtube, Website, Twitter, Facebook und Instagram – «Kliemannsland» ist eine Heimat für ziemlich schräge Vögel.

Geschichtsvermittlung, transmedial inszeniert: «The History of Denmark» des dänischen Radios DR ist der Versuch, das moderne Dänemark unter der Tagline «Du bist Teil der Geschichte» für die eigene Geschichte zu begeistern: Medial («watch the story»), interaktiv («control the story»), immersiv («be in the story») und partizipativ («tell the story»). Zehn Stunden Fernsehen, Dutzende Stunden Lokalradio, 200 Onlineartikel; graphic-novel-style gamification, Fun-Videos à la «Was, wenn Hans Christian Andersen ein Smartphone gehabt hätte?», öffentliche VR-Events, User-generated Content: Geschichtsunterricht, multimedial entstaubt.

«Planet infini» von Arte France ist ein postapokalyptisches Kunstprojekt, eine äussers aufwändige 360-Grad-VR-Dystopie (mit Surround-Sound) der japanischen Künstlerin und Filmemacherin Momoko Seto, angesiedelt in einer Zeit nach dem Aussterben der Menschheit. Die Welt ist bevölkert von überdimensionierten Pilzen, Insekten und Lurchen, die äusserst realistisch wirkende Szenerie ist zusammengesetzt auf unzähligen realen Filmaufnahmen. Allein das Rendering benötigte die Leistung eines Supercomputers während einer vollen Woche. Das Ergebnis: Geradezu beängstigend schön.

Die Forschung zeigt, dass bei den indigenen Sami in Nordschweden (insbesondere bei jungen Erstwählern) die Wahlbeteiligung (etwa ins Sami-Regionalparlament) stetig sinkt – und dass die politische Meinungsbildung immer weniger von Medien als vielmehr von den Diskussionen am Küchentisch der Familie beeinflusst wird. Vorhang auf für «The Digital Kitchentable» des schwedischen Radios SR. Wissenschaftliche Forschung, interaktive, Mobile-first-Onlineartikel, ein Chatbot (via Facebook-Messenger) als Medienführer zum Angebot des schwedischen Radios, Quizzes, Datenvisualisierung – alles mit dem Effekt, dass in den Regionalwahlen 2017 die Wahlbeteiligung zum ersten Mal wieder gestiegen ist.

Das tschechische Fernsehen Decko bittet zum Tanz: «Street Star Dance» ist ein Tanzkurs der etwas anderen: Street-Dance-Stars gehen der Geschichte von Tänzen, Stilen und Moves auf den Grund. Street Dance mit ernstem kulturgeschichtlichem Hintergrund (Breakdance? Ein Enkel des Salsa!), für ein älteres Publikum on air am Fernsehen, für Kinder und Jugendliche on demand in den sozialen Medien, für Tanzfans jeden Alters als Live-Events: Nett.

«The Isdalen Mystery» ist eine investigative Recherche des norwegischen Rundfunks P2: Ein sogenannter «kalter» Mordfall, der sich im November 1970 im «Eistal» bei Bergen zugetragen hat und der bis heute nie aufgeklärt wurde – der Fund der verstümmelten Leiche einer jungen Frau, einer mutmasslichen Spionin, die immer wieder mit unbekanntem Ziel durch ganz Europa gereist war und die nun mit schweren Verbrennungen tot zwischen den Felsen lag. Wer war die Frau? Was war ihre Mission? Und wer hat sie weshalb umgebracht? Videos, Multimediaartikel, Radiobeiträge, Podcasts, ein Dokumentarfilm, eine Website mit enormem Impact auf Facebook und Youtube; schliesslich der überraschende Fund des verschollen geglaubten Oberkiefers des Opfers und neue Ermittlungen der norwegischen Polizei: Noch ist der Fall nicht gelöst. Aber die Spuren werden wärmer. Packend, aber problematisch.

Das Projekt «Uploading Holocaust» der Produktionsfirma Gebrüder Beetz (im Auftrag des Bayerischen Rundfunks) setzt sich mit dem Erinnerungsverlust, der mit dem Tod der letzten Holocaust-Zeitzeugen einhergeht. Ein Dokumentarfilm aus Youtube-Material gibt einen beklemmenden Eindruck der Holocaust-Rezeption heutiger Jugendlicher wieder, die Website lädt dazu ein, Fragen über das eigene Erfahren des Holocaust (in der Schule, in Literatur und Kunst, in den Medien, auf Reisen) zu beantworten. «Uploading Holocaust» will kein neues Shoah-Memorial im Netz entstehen lassen, sondern ist auf der Suche nach Antworten auf die Fragen nach gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Völkermord und drohendem Vergessen.

«Local Food Is Good Food» des finnischen Radios YLE bricht eine Lanze für Lebensmittel aus der Region: Eine Aufgabe (fünf Tage Kochen, von morgens bis abends), der bekannte Chefkoch Michael Björklund, ausschliesslich saisonale Zutaten aus einem Umkreis von höchstens 30 Kilometern und eine Menge Fragen. Wie schmeckt Dachs, wie Bisamratte? Und vor allem: Wodurch ersetzt man Kaffee? Antworten gaben eine TV-Show, diverse Radiosendungen, ein Liveblog und jederzeit das Publikum – Bauern, Fischer, Gärtnerinnen und Köchinnen jeder Couleur. Am Ende gab's nette Facebook-Statistiken – und ein (lokales) Festessen.

«Kreuz & Queer» von SRF Virus und Vice Switzerland thematisiert stereotype Vorstellungen von Geschlecht oder Sexualität, authentisch und unpolitisch, in TV- und Videobeiträgen, Radiointerviews, Illustrationen und Fotos, für Facebook und ein ganzes Social-Media-Ökosystem. Minutiöse Vorbereitung, ein kleines Produktionsteam, ein sensibler Moderator und ausserordentliche Protagonistinnen und Protagonisten: Eine erfolgreiche, aber heikle Gratwanderung zwischen Tiefgang und Voyeurismus.