Ungezügelt

Denken ist das Ordnen des Tuns. Ordnung macht uns erst zum Menschen: Sie bringt sinnstiftende Struktur ins naturgegebene Chaos. Das Ordnen von Gedanken und Handlungen, Gegenständen und Sachverhalten ist das Fundament des Erkennens. Ordnung aber verlangt Disziplin – und die ist nur um den Preis der Selbstüberwindung zu haben. Uns zu disziplinieren, mit dem Ordnen unseres Selbst niemals nachzulassen, zählt zum genetischen Code der Leistungsgesellschaft.

Disziplin, so lernen wir von Kindesbeinen an, ist der erste Schritt auf dem Weg zum Erfolg. Dabei geht allzu gern vergessen, dass sich unsere Natur nur selten an menschengemachte Ordnung hält. So manchen Staatsmännern, Erfindern, Künstlerinnen, die sich Grosses abverlangt und die Grosses geleistet haben, waren Wesenszüge zu eigen, die sich keine Zügel anlegen liessen, und die sich dem tückischen, sprudelnden, lebensprallen Chaos verschrieben, das am Ende vielleicht mehr mit Triumphen zu tun hat, als unser puritanisches Erbe uns glauben machen will.

 


Oben: Winston Churchill (1874–1965), Amy Winehouse (1983–2011), Edgar Allan Poe (1809–1849).
Unten: Thomas Alva Edison (1847–1931), Anita Berber (1899–1928), Fjodor Dostojewski (1821–1881, von links).

Dieser Text entstand im Auftrag der LGT-Bankengruppe, Vaduz, und ist Anfang September 2017 im Magazin «Credo» erschienen.

← Zur vorherigen Seite